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13. Winterrede: Franziska Barmettler: Ökologie & Ökonomie

Von Franziksa Barmettler 28. Januar 2016 Keine Kommentare

Ökologie & Ökonomie

Zur Umwelt Sorge tragen ist etwas, was mir schon immer wichtig war. Es ist für mich etwas Selbstverständliches. Wie ein Urinstinkt. Ich glaube es kommt davon, wie ich erzogen wurde. Meine Mutter hat immer darauf geschaut, dass wir einheimische Produkte kaufen. Ich wusste schon als Kind, welches Gemüse wann Saison hat. Sie hat auch geschaut, dass ein Produkt nicht zu viele von diesen E’s drin hat und wir durften niemals Essen wegwerfen. Dadurch habe ich gelernt darauf zu achten, was ich kaufe. Ich war auch dieses nervige Kind, das meinem Vater beim Zähneputzen immer den Wasserhahn abgestellt und ihn dabei mit vorwurfsvollen Augen angeschaut hat. Sowieso verstehen Kinder sehr gut, dass man mit der Natur sorgfältig umgehen soll, man braucht es ihnen nicht gross zu erklären.

Bei einem Praktikum auf den Philippinen machte ich eine ähnliche Erfahrung. Beim Projekt ging es darum, einen riesigen Wald, der abgebrannt wurde, wieder aufzuforsten. Der Wald war wichtig für die Speicherung des Grundwassers und er festigte einen dorfnahen Hügel, der zu erodieren drohte. Um die lokale Bevölkerung zur Mitarbeit zu motivieren, setzte der Projektleiter zu meiner Überraschung auf folgende Argumente: Er sagte zu den Dorfbewohnern: «Wir wollen den Wald schützen, weil wir ihn gerne haben. Weil er schön ist. Wir möchten gut zu ihm schauen, weil Gott ihn uns geschenkt hat». Alle waren einverstanden.

In der Schweiz würde eine solche Argumentation natürlich nie funktionieren. Hier geht’s ums Rechnen und um den volkswirtschaftlichen Nutzen. Auf den Philippinen war dann allerdings das Problem, dass die Aufforstung eines Waldes ein sehr langfristiges Projekt ist und die Menschen dort nur an heute denken. Was morgen ist, wissen sie nicht. Wieso sollten sie also in eine Massnahme investieren, die vielleicht in fünf oder zehn Jahren einen Nutzen hat? In der Schweiz hingegen können wir diese langfristige Perspektive einnehmen und unser Handeln danach ausrichten. Es lohnt sich in etwas zu investieren, weil wir darauf zähen können, dass die Bedingungen stabil sind.

Bei der Studienwahl habe ich mich später bewusst für Volkswirtschaftslehre entschieden. Ich wollte unser System verstehen und herausfinden, wie ich es verbessern kann. Verbessern heisst, seine negativen Auswirkungen zu verringern, zum Beispiel jene auf die Umwelt.

Man kann das System bekanntlich auf verschiedene Arten beeinflussen. Von aussen oder von innen heraus. Es braucht Leute die demonstrieren, protestieren, laut sind und sich empören. Es braucht Leute, die neue Themen aufbringen und damit immer und immer wieder auflaufen, bis die Themen irgendwann von der breiten Öffentlichkeit übernommen werden weil sie normal geworden sind. Diese Art von Protest entspricht jedoch nicht meinem Wesen. Genauso braucht es Leute, die das System von innen her formen. Schritt für Schritt.

Mit diesem Ziel habe ich 2009 den Wirtschaftsverband swisscleantech mitaufgebaut und mitgegründet. Wir wollen die Kräfte der nachhaltig denkenden und handelnden Unternehmen bündeln und dadurch verstärken. swisscleantech will der nachhaltigen Wirtschaft eine Stimme geben und damit Veränderungen erwirken. Wir haben bewusst keine NGO gegründet, sondern einen Businessverband. Denn wir wollen aus dem herkömmlichen links-rechts Schema ausbrechen und so Raum für neue Allianzen und Lösungen bieten. Die Forderung nach nachhaltiger Entwicklung muss aus der Mitte der Gesellschaft auf die politische Agenda gesetzt und von der Wirtschaft getragen werden. Nur so ist sie mehrheitsfähig und umsetzbar.

Unsere Mitglieder haben verstanden, dass sie die Ökologie nicht Links-Grün überlassen, sondern das Thema besser aktiv an die Hand nehmen sollen – so können sie auch mitgestalten und wirtschaftsfreundliche Lösungen herbeiwirken. Denn Ökologie und Ökonomie stehen nicht im Widerspruch – im Gegenteil. Die Wirtschaft muss zum Treiber einer nachhaltigen Entwicklung werden. Denn nur mit der Wirtschaft schaffen wir rechtzeitig die anstehenden ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen zu meistern. Die technologischen Mittel und Ideen hierfür müssen von der Wirtschaft entwickelt werden.

Damit diese Ideen erfolgreich sind, braucht es nebst der Wirtschaft auch die Politik. Für eine nachhaltige Entwicklung braucht es nebst ökonomischen Rahmenbedingungen wie Wettbewerb und offene Märkte auch ökologische und soziale Regeln. Diese Rahmenbedingungen können schlank gestaltet sein, z.B. als Lenkungsabgaben. Innerhalb dieses Rahmens können die Marktkräfte im Wettbewerb miteinander die besten Lösungen hervorbringen. Ist der Rahmen richtig gesetzt, sind die besten Lösungen zwar immer noch die billigsten, aber der Ausstoss von Treibhausgasen und der Verbrauch von knappen, natürlichen Ressourcen sind im Preis eingerechnet. Nur wenn nachhaltiges Wirtschaften konsequent belohnt wird, wird Nachhaltigkeit zum Massenprodukt. Dass sie ein Luxusobjekt bleibt, können wir uns angesichts der Herausforderungen, die uns gestellt sind, schlicht nicht leisten.

Weltweit wollen immer mehr Leute immer mehr konsumieren. Unsere Wirtschaft und unser Verbrauch sprengen damit die Grenzen unserer Welt und zerstören damit die Grundlage für die Lebensqualität der kommenden Generationen. Diese Entwicklung stört zunehmend das natürliche Gleichgewicht unseres Planeten. Betroffen von der übermässigen Beanspruchung sind vor allem Güter im Besitz der Allgemeinheit wie Luft, Boden oder Wasser. Neben dem Verlust an Biodiversität ist die Klimaveränderung die zentrale Herausforderung. Sie ist mittlerweile ein breit untersuchtes und wissenschaftlich anerkanntes Phänomen. Die Fakten sprechen eine klare Sprache. Der Klimawandel ist Menschgemacht. Der Ausstoss von Treibhausgasen muss bis Ende Jahrhundert auf Null gehen. Denn: Das Klima eines ungebremsten Klimawandels ist für uns Menschen unerträglich.

Ja genau, wir machen Umweltpolitik nämlich nicht der Natur zu liebe. Die Natur überlebt auch einen Meteoriteneinschlag. Sie findet sich schon zu Recht. Der Natur ist Biodiversität egal – ob es nun 10 oder 1000 verschiedene Zebras gibt, kümmert die Natur nicht. Das verletzliche Glied in der Kette sind wir Menschen. (Es ist klar, dass man sich fragen kann, ob wir als Menschen das Recht haben in die Natur einzugreifen und somit zu entscheiden wie viele Arten es gibt. Aber das ist eine andere Diskussion). Vielmehr machen wir Umweltpolitik, weil wir als Menschen und als Wirtschaft auf eine intakte Umwelt angewiesen sind.

Wenn wir das Klima schützen wollen, müssen wir die Art, wie wir mit Energie umgehen, überdenken. Die Energiewende ist eigentlich als Klimaschutzwende zu verstehen. swisscleantech hat deshalb von Beginn weg die Schweizer Energieversorgung unter die Lupe genommen. Uns war dabei schnell klar: Nur wenn es gelingen würde, auf Grundlage von Fakten aufzuzeigen, dass die Energiewende möglich und auch finanzierbar ist, würde swisscleantech als Stimme der Wirtschaft glaubwürdig sein. Nach dem Unglück in Fukushima öffnete sich in der Schweiz ein politisches Fenster für dieses Thema.

Mit grossem Aufwand haben wir ein Modell mit über 100 Parametern erarbeitet. Dieses erlaubte uns, die Auswirkungen von technologischen Entwicklungen und politischen Massnahmen auf den Energieverbrauch zu analysieren. Die Parameter haben wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern und Fachexperten in zahlreichen Workshops erarbeitet und damit legitimiert. Dabei wurde für alle Beteiligten immer klarer: Die Energiewende ist technisch machbar. In einem nächsten Schritt haben wir uns um die wirtschaftlichen Chancen gekümmert und wir konnten aufzeigen, dass die Kosten verkraftbar sind und die Vorteile überwiegen. Dank diesen fundierten Arbeiten zum richtigen Zeitpunkt konnten wir viel Aufmerksam generieren und die Zeitungen titelten im Jahr 2011: «Nicht die ganze Wirtschaft ist gegen den Atomausstieg». Damit haben wir unser Ziel erreicht. Wir wollten jener Wirtschaft eine Stimme geben, die die Zukunft baut und ihre Energiepolitik nicht von der Erdöl- und Atomindustrie beeinflussen lässt. Bundesrat- und Parlament beschlossen noch im selben Jahr den Ausstieg aus der Nuklearenergie – basierend auf wirtschaftlichen Überlegungen.

So weit tönt alles gut. Die Verheiratung von Ökonomie und Ökologie scheint zu funktionieren. Doch nun kommt das verflixte siebte Jahr.

Der historische Erfolg am Klimagipfel in Paris zeigt zwar, dass sich die Welt in Richtung Energiewende bewegt. Die Entwicklung in der Welt und in der Schweiz läuft aber auseinander. Während die Welt geeint hinter der Notwendigkeit steht, sich vom fossilen Zeitalter zu verabschieden, haben in der Schweiz diejenigen die Oberhand gewonnen, die am liebsten gar nichts tun wollen. Die Polarisierung in den Auseinandersetzungen um die Energiewende und die Ressourcenpolitik nimmt zu. Der grosse Wirtschaftsverband will kein Geld für die Bekämpfung der äusserst wirtschaftsfeindlichen Durchsetzungs-initiative ausgeben, hält aber Millionen für die Bekämpfung der Vorlage zur Grünen Wirtschaft bereit. Jene politischen Kreise die fordern, dass die Schweiz nicht so stark vom Ausland abhängig sein dürfe, wehren sich mit Hand und Fuss gegen die erneuerbaren, einheimischen Energien. Die Schweiz droht in der Sackgasse des «weiter wie bisher» steckenzubleiben.

Ich kann ihnen heute nicht garantieren, dass das Schweizer Parlament das Pariser Klimaabkommen ratifizieren wird. Was dann? Was, wenn die Schweiz den Anschluss verpasst?

Ich sage Ihnen: Beim hiesigen Widerstand gegen die Energiestrategie geht es nicht darum, ob wir es schaffen, die Sonnenenergie auch dann zur Verfügung zu stellen, wenn die Sonne nicht scheint. Ob wir die nötigen Stromnetzte rechtzeitig bauen können oder genügend Transformatoren, damit kein Blackout droht. Wir wissen, dass wir das alles technisch lösen können. Diese Argumente sind nur vordergründig – dahinter steckt viel mehr. Es geht um die Frage, wie wir uns als Schweiz den zukünftigen Herausforderungen stellen wollen. Ob wir Veränderungen als Bedrohung oder als Chance für das Erfolgsmodell Schweiz sehen. Ob wir abwarten, bis wir schliesslich handeln müssen – wie wir das etwa beim Bankgeheimnis getan haben – oder ob wir zukünftige Herausforderungen frühzeitig antizipieren und aktiv angehen.

Noch geht es der Schweiz gut. Sie erreicht in internationalen Ranglisten Spitzenresultate zu Wohlstand, Lebensqualität, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Als innovatives und dynamisches Land hat die Schweiz bisher viel von der Globalisierung profitiert. Die Folgen der Globalisierung lösen in einem Teil der Bevölkerung jedoch zunehmend Unbehagen aus: Zuwanderung, Umweltzerstörung oder Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes dominieren die öffentliche Debatte. Damit sind auch andere Länder wie z.B. Deutschland konfrontiert. In der Schweiz kommen jedoch noch zwei Besonderheiten hinzu: Bundesrat Alain Berset sagte es so: «Das Unbehagen ist Ausdruck der Tatsache, dass die Schweiz demografisch ein Riesenzwerg, wirtschaftlich aber ein kleiner Riese ist». Das Erfolgsmodell Schweiz gerät dadurch unter Druck.

Die Schweiz ist auch das einzige Land, in dem die Globalisierung auf direkte Demokratie trifft. Die offene Wirtschaft sowie die offene Gesellschaft werden regelmässig an der Urne in Frage gestellt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, auf diese Entwicklung zu reagieren: Wir können Angst haben und glauben, wir könnten uns wie ein Igel zurückziehen und die Stacheln ausfahren. Dies ist im 21. Jahrhundert ganz und gar keine vernünftige Option.

Oder wir können das Unbehagen Ernst nehmen und ihm mit echten Lösungen entgegenwirken. Die Antwort lautet auch hier: Ökonomie und Ökologie. Je nach Entwicklung werden im Jahr 2050 in der Schweiz zwischen 9 und 11 Millionen Menschen leben. Wenn wir die hohe Lebensqualität in der Schweiz erhalten wollen, müssen wir Wohnen, Essen und Mobilität neu denken. Indem die Schweiz solche Spitzentechnologien entwickelt, kann sie ihren grössten Beitrag an eine nachhaltige Entwicklung leisten. Und von Exportchancen profitieren.

Wir müssen uns nur trauen. Souveränität und Einfluss hören in einer globalisierten Welt nicht an der Landesgrenze auf. Wir haben das Privileg, dass wir an die Zukunft und an Fortschritt glauben dürfen. Wir müssen uns nur auf unsere Stärken und Grundwerte beruhen. Es gehört schliesslich zur Schweiz, Grösstes zu leisten.

Ich möchte nicht, dass mich meine Grosskinder später mit vorwurfsvollen Augen anschauen, weil wir es im 21. Jahrhundert verpasst haben, Ökologie und Ökonomie zu verheiraten. Deshalb kann ich nicht anders als weiter zu machen und zuversichtlich nach vorne zu schauen – das ist mein zweiter Urinstinkt.

Ich danke Ihnen.

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