Menu

16. Winterrede: Regula Stämpfli

Von Regula Stämpfli 1. Februar 2016 Keine Kommentare

@laStaempfli
Reson2sell: Prolog

„Ein Banker, ein Schweizer und ein Asylant sitzen am gleichen Tisch. Darauf liegen 12 Kekse. Der Banker nimmt 11 und meint zum Schweizer: ‚Pass auf, dass der Asylant Dir nicht den letzten Keks wegfrisst.’“

Bei der kopernikanischen Revolution ging es nicht darum, ob die Erde um die Sonne kreist oder die Sonne um die Erde, mit anderen Worten: Es ging nicht um wahr oder nicht, sondern es ging darum, dass mit dem neuen Weltbild die alten Herrscher abdanken mussten. Die Hierarchie des Oben und des Unten war an den Mittelpunkt der Erde geknüpft, es war diese Rangordnung, die nicht in Frage gestellt werden durfte und nicht die Frage nach der Sonne oder nach der Erde. Kaiser, Fürsten, Bischöfe und Hexenverbrenner: Sie alle mussten die Sonne sein, um die sich die Untertanen drehten. Notwendigerweise wurden deshalb all jene verfolgt, die trotzdem meinten: „Und sie dreht sich doch“ beseitigt.

2010 publizierten Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, seines Zeichens nicht irgendwer, sondern ehemaliger Chefökonom des IWF, eine Studie über Schulden und Wachstum. Sie sollte die Bibel werden für alle Sparpolitiker. Die griechische Bevölkerung wird aufgrund dieser Studie ausgehungert, geplündert und auf den europäischen Müllhaufen geworfen. Reinhart und Rogoff manipulierten Daten im ganz grossen Stil – und wurden von einem kleinen Studenten namens Thomas Herndon in Deutschland der Lüge überführt.
Wirtschaftswachstum wird also nicht durch ein Spardiktat erreicht, sondern nur durch ein nachhaltiges Geldverteilen im ganz grossen Stil. Finanzkrisen dürfen nicht zu Austerität führen, sondern sie müssen zu mehr Bildung, zu mehr öffentlichen Projekten, zu mehr sozialem Wohnungsbau, zu mehr öffentlichem Verkehr und Infrastruktur etc. leiten.
Setzen Politiker nach Finanzkrisen auf Austerität, kommt es – wiederum aufgrund nachvollziehbarer Daten (und nicht aufgrund gefälschter wie in allen neoliberalen Studien) – dann ist das Resultat Rechtsextremismus, bürgerkriegsähnliche Zustände und jahrzehntelange wirtschaftliche Misere.

„Und sie dreht sich doch…“ Wie ein Kusanowsky-Tweet mal bemerkte: „Das Theoretikum schlägt zurück.“ Appropos hier latent.de: „Kritische Tweets werden die Welt verändern. Bestimmt.“ Ist immerhin etwas, hat das Mäuschen gemeint als es ins Meer pisste, denn: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Reinhart und Rogoff haben ihre falsche Studien nie zurückgezogen und lehren weiterhin fröhlich höchstdotierte Ideologie.
***

Das Stück: „Barcode Mensch“

„Poulet ess ich nicht“ meint der Veganer. „Da ist Ei drin.“

Normalerweise habe ich es ja nicht so mit konservativen Werten, ausser wenn es ums Kindermachen geht. Punkto Kinderaufzucht hingegen, bin ich dann wieder modern und afrikanisch: „Um ein Kind stark zu machen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Was heisst dies politisch? Menschenproduktion nein, Menschensozialisation von allen, ja!

Mrs Wilmer Steele (nomen est omen) erhielt 1923 eine Lieferung von 500 statt 50 Küken: Fortan blieb Stahl der Name und Vergasung das Programm (Foer, Tiere essen, Frankfurt a. Main 2012).

Steele „erfand“ mit diesen 500 Küken nämlich die industrielle Massentierhaltung und damit auch die industrielle Gesundheitshaltung von Menschen.

Wie hängen Huhn und Mensch zusammen? Ganz einfach: Am Anfang war das Ei und das Ei lag bei der Pharma.

2014 offerierten Apple, Facebook und Google ihren Managerinnen die Übernahme der Kosten beim sogenannten „Egg freezing“. Dabei geht es um eine, in der Tierwelt lang erprobte Technik, Eier und Samen zum Zwecke der Forschung und/oder zweck späterer Befruchtung auf unbestimmte Zeit einzufrieren.

Bei den Hühnern ist Einfrieren nur für Tests oder genetische Manipulation notwendig. Bei Menschen dient das Einfrieren von Menscheneiern zur Massenproduktion von Menschenfleisch. Egg Freezing ist das „Embryo 2 go“ mit der Leihmutter im Sonderangebot.

Zurück zu den flauschigen Küken.

Mit Futterzusätzen, mit Lichtentzug, mit künstlich hergestellten Vitaminen A und D und mit dem Messer, das den Küken den Schnabel und damit deren wichtigstes Tastorgan nimmt, kann man aus lebendigen Küken tote, verwert- und verkaufbare Ware machen. Die Küken werden lebendig wie tot behandelt – Chemie, Fabrikarchitektur und Werbung sei Dank.

In den USA und China werden heute alle Mast- und Legehühner (Ausnahmen in Promillen messbar) industriell hergestellt. Millarden von Tiere werden kostengünstig, platzsparend und transporttechnisch effektiv und industriell verarbeitet: Die Küken waren zuerst, die Schweine und Rinder folgten sofort – jetzt sind die Menschen dran.

Menschenfleisch wird wie Hühnerfleisch gemessen, verwertet, aufbewahrt und weiterverkauft. Wie bei den Hühnern werden Weibchen und Männchen unterschiedlich behandelt. Das Weibchen unterliegt strengeren Aufbewahrungs- und Produktionsbedingungen. Die Ware Mensch genügt gewissen Standards: Verfallsdatum, Gewicht, Grösse, genetische und epigenetische Veranlagungen, Hormonhaushalt etc. müssen stimmen. Aufgrund riesiger Datenmengen werden Risikoanalysen erstellt, die dann zum frühzeitigen Eierfrost raten – ein Prozess, der früher oder später von der staatlich verordneten Krankenversicherung übernommen wird – und die Leihmutterschaft wird präzisen Regeln unterworfen. Menschen haben ein Recht auf die Menschenproduktion – festgelegt in diversen Gerichtsentscheiden vom „Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Kind.“ Das Menschenkind indessen hat -wie die Hühner – kein Recht darauf, zu bestimmen, unter welchen Produktionsbedingungen es für wen und welchen Zweck hergestellt wird.

Der Verkauf von Menschenfleisch wickelt sich über Banken oder via Spenden ab: Da gibt es Samen-, Ei- und Blutbanken, die via Samen-, Ei- und Blut“spenden“ zustande kommen. Spenden ist Neusprech – die Vergütung Usus.
Menschenfleisch wird in unterschiedlichen Formen und Begriffen verhandelt: Vorzugsweise mit Wörtern, die die Herkunft von Menschenfleisch nicht deklarieren. Ethikerinnen sind Spezialistinnen für diese Art von Propagandasprache, die via WHO und US-Gesundheitsministerium global verbreitet wird. Vordergründig geht es um die globale Gesundheitshaltung von Menschen, untergründig um die Geldverwertung von Menschen und ihren Körperteilen inklusive deren Daten.
Samen, Eier, Gebärmütter, Gene, Sehnen, Hormone, Nieren, Leber, Herz, Hirnmassen sind schon jetzt Gegenstand von vielen privatrechtlichen und internationalen Handels- und Freihandelsverträgen. Das internationale Privatrecht etabliert die Codices für Menschenfleisch, indem das Vertragsrecht über den Kauf und Verkauf letztlich entscheidet. Die staatlich verordneten Krankenkassen übernehmen schliesslich auch alle Kosten für die Menschenproduktion…während jede gesundheitsfördernde Leistung im nicht-pharma Bereich gnadenlos gestrichen wird.

Der Appetit für hochqualitatives Menschenfleisch wird immer grösser. Ein Glück, dass die Überbevölkerung, gekoppelt mit grosser Ungleichheit, für einen immer grösser werdenden Nachschub von Menschenfleisch sorgt mit dem Nebeneffekt, dass Menschenfleisch immer billiger wird.
Alle Daten rund um Menschenfleisch werden sorgfältig aufbewahrt, ausgewertet und weiterverkauft. Die epigenischen Faktoren, die Menschenfleisch beeinflussen, lassen sich via soziale Netzwerke erheben. Sie lagern in Daten-Banken und entscheiden über den jeweiligen Preis von Menschenfleisch.
Menschenfleisch hat gegenüber den Hühnern den Vorteil, dass es gleichzeitig Roh- und Datenstoff ist. Dabei gibt es – wie bei Rohstoffen üblich – unterschiedliche Preismargen für unterschiedliche Rohstoffe. Menschenfleisch, das von Erbkrankheiten verseucht ist, wird erst dann behandelt, wenn es von einer weissen Haut inklusive hoher Kapitalanlage umhüllt ist. Deshalb wird Menschenfleisch in einer braunen Hauthülle wenig erforscht, denn es handelt sich dabei um qualitativ schlechtere Ware, die am Markt auch nur zu niedrigeren Preisen gehandelt wird. Deshalb ist die Mukoviszidose an Menschenfleisch mit weisser Hülle relativ gut erforscht während die Sichelzellenanämie in Menschenfleisch mit brauner Hülle vernachlässigt wird.

Wie gesagt: Zuerst das Huhn, nun der Mensch.

Sie glauben mir nicht? Sie meinen, dies passiere nur in den USA oder in China?

Mit dem „Ja“ zur Änderung der Bundesverfassung und des Fortpflanzungsmedizingesetzes“ im Juni vom letzten Jahr, wurden erst mal „nur“ 12 Embryonen zur industriellen Weiterverarbeitung freigegeben. Die Schweizer Stimmbevölkerung wurde mit einer von der Pharmalobby genau geplanten und finanzierten Kampagne davon überzeugt, dass im künftigen Milliardengeschäft „Menschenfleisch&-handel“ der Wettbewerbsvorteil gesichert werden sollte. Ähnlich der Massentierhaltung braucht auch die Massenmenschhaltung legale Rahmenbedingungen. Die sind nun dank dem sozialdemokratischen Gesundheitsminister Berset, der seiner Ethikkommission eine Professorin für Privatrecht als Präsidentin vorsetzt, die in der Neuen Zürcher Zeitung die Leihmutterschaft mit der ganz normalen Tätigkeit einer Ballettänzerin gleichgesetzt und dabei von der Sternstundemoderatorin Barbara Bleisch, die Eugenik-Philosophen Peter Singer hoffiert, sekundiert wird.
Die schöne neue Welt ist voller eiereinfrierenden Philosophinnen, Ethikerinnen, Professorinnen, dieser neoliberalen „Titten aus Zement“ (Peter Sloterdijk) bevölkert. Sie täuschen mit ihrer Weiblichkeit darüber hinweg, dass vergessen geht, was die Reproduktionstechnologie als Reproduktionstheologie in Wahrheit ist: Eine Menschenfleischproduktion zwecks späterer Massenmenschhaltung. Ethik ist das Grauen unter einer wissenschaftspositivistischen Oberfläche.

Lebende Menschen werden in der freien Marktwirtschaft („frei!“ „Markt!“) wie totes Fleisch gehandelt – gut, dass wir dies nicht merken.
***
Postskriptum: #Skylla&Charibdis

Wie Odysseus navigieren wir normale Menschen zwischen materialistischer Weltanschauung der technisch-industriellen Risikogesellschaft und der fundamentalistisch-religiösen Charibdis …ein Strom der Freiheit, die uns auf allen Seiten zur baren Münze oder zum Opfer eines Terroranschlags macht. Was tun? Ich erzähle Ihnen meinen Lieblingswitz aus dem Nahen Osten und erinnere daran: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Und fragen Sie sich zwischendurch immer wieder: „Überlebt mein Gedanke dessen Zustimmung?“

Themen:
Neueste Artikel von Regula Stämpfli

Kommentieren