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4. Winterrede: Lara Stoll

Von Lara Stoll 14. Januar 2016 Keine Kommentare

Liebe Menschen,

Es freut mich, dass Sie sich entschieden haben, heute Abend bei diesem wunderbar feuchten Wetter eine Rede hören zu gehen. Ich persönlich kann das ja nicht nachvollziehen. Allerdings, aus anderen Gründen.

Ich habe vor einigen Jahren einmal bei Teletop als Videojournalistin gearbeitet und leide seitdem unter einer sogenannten Spatenstich-Phobie, jeden Tag wurde man irgendwo in den wilden Thurgau geschickt um sich an einem noch so unwichtigen Ereignis eine Rede anzuhören und danach einen kauzigen Gemeinderat zu interviewen.

Seitdem werde ich unruhig und manchmal auch leicht aggressiv wenn jemand eine Rede hält. Ich wüsste dann immer sehr gerne wie lange die Rede ungefähr dauert damit ich mich nicht innerlich selbstzerstöre.

Daher sage ich Ihnen jetzt schon gut und gerne, diese Rede hier dauert exakt 12 Minuten. Anfang und Ende sind besonders wichtig, der Anfang ist jetzt eh schon egal, aber es freut mich Ihnen bereits jetzt mitteilen zu dürfen, dass das Ganze hier in einem fulminanten Schlussbouquet enden wird.
Konkret: Ich werde zwei Tauben frei lassen und Rosenblätter über Sie herunterstreuen.

Nun, was aber habe ich Ihnen hier und heute zu sagen… Nichts. Ich habe Ihnen eigentlich nichts zu sagen. Ich könnte jetzt politisch ausschweifen, sicherlich würden das einige hier erwarten, aber ganz ehrlich, das nützt Ihnen schlussendlich auch “Nichts”. Bin ich mir sicher.

Ich würde Ihnen nämlich sagen, dass ich, wie es Milo Rau kürzlich in der Sonntagszeitung so schön formuliert hat, ein Arschloch bin, bzw. höchstwahrscheinlich zu den “zynischen Humanisten” gezählt werden kann. Ich spende 100 Franken und ein paar Schuhe, vergesse immer häufiger an Flüchtlinge zu denken, zum Glück erinnert mich Facebook doch immer noch oft daran, wenn nicht gerade irgendwelche andere Hetzpresse den Kanal verstopft. Selbstverständlich muss das Thema der widerlichen sexuellen Übergriffe unbedingt diskutiert werden, trotzdem darf man nicht vergessen ein Mensch zu bleiben und auch weiterhin in den Südosten zu blicken wo noch immer Chaos und Verzweiflung herrscht.

Auch wenn es Zeiten gab, in diesen mich ein Gefühl der Übersättigung beschlich. Übersättigt von der Auseinandersetzung mit dem Thema, den Medien, dem Elend. “Übersättigt” ich bin ein Arschloch, man darf sich da doch nicht übersättigt fühlen, Menschen sterben dort schliesslich verdammt nochmal. Und ich bin ein Arschloch und fahre nun in drei Wochen doch noch nach Serbien um zu helfen. Und… macht mich das dann zu einem kleineren Arschloch? Wann ist es denn genug, wann ist es denn genug?

So was in die Richtung würde ich Ihnen sagen und vermutlich zum äusserst banalen Fazit kommen, dass es NIE genug ist und jeder halt selber wissen
muss wann es denn aber für IHN SELBST genug ist und jeder der noch dieses Zwicken im Magen hat, dieses Gefühl, dieses Unwohlsein, am besten einfach den Finger aus dem Popo zieht und irgendwas Sinnvolleres damit tut.
Ja, wenn es nur so einfach IST.

Ja sehen Sie, jetzt hab ich’s doch kurz tangiert und was nützt’s? Nichts. Ausser, dass Sie sich jetzt vielleicht auch ein bisschen wie ein Arschloch fühlen und das wollte ich eigentlich gar nicht.

Ich bin ja froh sind Sie da! Ich bin wirklich froh. Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht da! Wo wären wir denn jetzt?

Und vor allem würden Sie die Tauben und die Rosenblätter verpassen und ich würde hier im Regen stehen und hätte niemandem “Nichts” zu sagen.

Ja gut, also wir sind jetzt dann bald einmal bei 5 Minuten, das passt eigentlich ganz gut, laut Studien hängt der Durchschnittszuhörer bei spätestens 6 Minuten dann eh einmal ab. Äh, das heisst Sie können ab jetzt völlig bedenkenlos Ihre Seele baumeln lassen und über die Tauben nachdenken und sich freuen und währenddessen werde ich ein bisschen weiter plaudern.

“Nichts” ist im Endeffekt ja dann doch nicht “Nichts”, bzw. die Vorstellung von “Nichts” ist für uns ja… ach nein lassen wir das, ich spreche jetzt einfach über etwas das mich aufregt… Ich wollte eigentlich gar nicht damit anfangen, weil mir der Konflikt zu persönlich erschien und das Reden darüber in der Öffentlichkeit zu gefährlich ist.

Es gibt nämlich tatsächlich etwas das mich krank macht und zwar im wahrsten Sinne des Wortes und das ist … diese huere Minegie-Standardiesierung! Damit haben Sie jetzt vermutlich nicht gerechnet, aber damit hab ich wirklich meine Mühe.

Ist ja wunderbar, dass ich als zynischer Humanist in einen nachhaltig umgebauten, weissen Bunker von einer Hochschule gehen darf, aber es ist imfall amel sau kalt dort! Ja ich bin dauernd krank, ich armer Selbstverwirklicher.

Und ich sag Ihnen noch etwas, mit diesen Leuten vom Minergie Verein ist nicht zu spassen, diesen Niedrig-Energie-Flöten, dieser Energiesparbrause- Warduscher-Maffia, die sind wahnsinnig aggressiv. Als damals die NZZ und der Tagesanzeiger einen kritischen Artikel veröffentlichten über einen Studenten der im Gesangsunterricht ohnmächtig umfiel, weil an der damals neuen PH, die super tolle Komfortlüftung wohl etwas zu wenig komfortabel gelüftet hat, shitstormte es nur so von Seiten der Minergie-Sympathisanten gegen “die verbreiteten Mythen und Lügen”.

Und wie ich hier so stehe und denunziere, dürften die Konsequenzen für mich wohl einiges schlimmer ausfallen.

Vielleicht ist ja gar keiner von denen hier und wenn doch hat er hoffentlich nicht zugehört sondern an die Tauben gedacht.

Vermutlich würde er mich nachher kidnappen. In einen ungedämmten Altbau verfrachten, in den wärmeleckenden Dachgiebel hieven, wo er mich an ein Kreuz, gefertigt aus illegal gerodetem Amazonas-Mahagoni, nageln würde. Seinen Zeigefinger auf mich richten und anschreien:

„So, findsch da öbe guet, hä?! Säg! Findsch da öbe guet?! Hä?! Wer het ez gern e chli bedarfsgerechti Ruumtemparatur? Häää?!?!“

Und man liesse mich über der Ölheizung schmoren, mit dem Blick nach Westen, aus einem ungenügend isolierten Fenster mit Einfachverglasung. Töten würde man mich aber vermutlich nicht. Diese Minergie-Jünger sind ja progressive “Gutmenschen”.

Vermutlich würde man mich in einem Tesla abholen und in das Minergie-A-Eco standardisierte Geheimlabor des Minergie Vereins in Genf stecken – gleich unter dem Cern und über der Hölle.
Dort fesselte man mich mit veganen Gürteln, an einen aus der Region gefällten Hagebuche-Stuhl. Die Augenlieder würden mit Fairtrade- Augenspreizern offengehalten um mich einer kubrickschen Aversionstherapie zu unterziehen.

Man würde mir sündige Bilder zeigen. Bilder von Stefanini-Wohnungen, Bilder von energieleckenden Appenzellerhäusern, furzenden Rindern, dazwischen ein Schweizer Tatort, dann Bilder einer WG in welcher jeder einzelne Bewohner viel zu lange duscht und man kleine Pfannen auf zu grossen Herdplatten benutzt, noch ein Schweizer Tatort ganz in postmodern Wiesbad’scher Manier in welcher Stefan Gubser aus der Haut von Ulrich Tukur fährt und Til Schweiger darüber schreibt: Ich, Til Schweiger, feier dich jetzt mal richtig derbe ab!!

Bilder von… jetzt bin ich irgendwie ganz schön abgeschweift. Da sehen Sie es, die Aufmerksamkeitsspanne… wie sollen Sie denn gedanklich am Ball bleiben wenn ich, die hier redet, es noch nicht einmal kann?

Sie denken hoffentlich immer noch an die Tauben oder? Oder nicht? Woran denken Sie? Sie sehen irgendwie alle sehr besorgt aus von hier oben. Was sind denn Ihre Sorgen? Dass es so etwas wie Fairtrade-Augenspreizer geben könnte? Kalte Füsse? Nasse Füsse? Dass das hier nie mehr aufhört? Ja was fürchtet denn der Schweizer am meisten? Eine Preiserhöhung der Autobahnvignette? Erneuter Stecklichrieg? Dichtestress oder eben Asylsuchende, die im eigenen Dorf untergebracht werden sollen? Mitesser? Laktose-Intoleranz? Die EU? Deutsche? Franzosen? Zu wenig Kantönliwitze? Basler? Nachbarn? Parmelin? Parmelööö? Die Dunkelheit? Die eigene Mutter? Ein chronischer Tennisarm bei Roger Federer? ADHS beim Kind? Profilierung? Ein Reh auf der Kühlerhaube? Hunde und Pferde? Head and Shoulders? Billag-Angestellte? Das Aussterben der Printmedien? Computerabsturz ohne Backup? Zu wenig Tomaten-Mozzarella-Salat bei der Hochzeit? Zu wenig Fernsehsender? Zu wenig Mühe (siehe zynischer Humanist)? Zu wenig Trinkgeld? Zu wenig Schnee? Zu wenig zu wenig?

Nein, ich glaube das ist es alles nicht. Ich glaube der Schweizer fürchtet sich einzig und allein: Vor dem Tod. Höchstwahrscheinlich einem Krebstod. Entschuldigung das Ganze ist jetzt gerade schlagartig ernster geworden, ich bin selber etwas überrascht.

Aber ich habe Ihnen ja gesagt Sie sollen an Tauben denken.

Jedes Jahr sterben über 15’000 Schweizer an Krebs, über 680’000 Schweizer sind Sternzeichen Krebs, jeder Zweite davon besitzt ein Auto und jeder Dritte bezahlt zu viel für den Winterpneu-Wechsel. Und jetzt kommt doch da wieder so eine Studie und sagt in den Würsten hätte es jetzt auch noch Krebs drin.

Nein echt, ich finde das überhaupt nicht lustig!

Asbest, Radon, Benzol und jetzt auch noch Würste! Da kann man ja gleich zu Hause bleiben “der Landarzt” schauen, Hornhaut raspeln und sich einen Feta-Salat teilen. Proscht Nägeli!

Wieso kann es nicht mal etwas treffen das niemand mag? Blumenkohl oder Steffi Buchli?

Da wird man ja depressiv, aber Psychopharmaka wie Antidepressiva oder Antiepileptika sind ja ebenfalls höchst krebserregend. Ich bin nicht sicher ob ich in einer Welt voll von traurigen Menschen und leer von Würsten leben möchte.

Die Veganer-Lobby jubelt und schmeisst eine Runde Agavendicksaft-Cüpli. Das ist zu viel für mich. Ich bin mit Wienerli gross geworden… nicht sehr gross,
aber etwas.

Ja vielleicht haben mich die vielen krebserregenden Wienerli von einer Catwalk-Karriere abgehalten. Gut ich rauche auch viel, ein Zug einer Zigarette entspricht vermutlich dem Krebsrisiko von etwa 20 Wienerli… Verdammt! Ich müsste eigentlich längst tot sein. Wissen Sie was? Ich sollte mein Leben geniessen!

(Zigarette wird angezündet und Wienerli aufgemacht und verspeist)

Oh, ich hab ja noch Tauben und Rosenblätter versprochen… Ich habe leider gelogen, ich find’s auch schade. Aber hier sind dafür zwei Wienerli. Und anstatt der Rosenblätter gibt’s ein bisschen Hasenstreu.

(Wienerli und Hasenstreu runterwerfen).

Ende.

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