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7. Winterrede: Markus Spillmann: Oh Tannenbaum!

Von Markus Spillmann 20. Januar 2016 Keine Kommentare

Oh Tannenbaum!

Ich war dieser Tage in Berlin. Berlin ist gross, Berlin ist eine Hauptstadt, und Berlin ist ein wenig schmuddelig.

Zürich ist klein, ist keine Hauptstadt, und Zürich ist sauber. Ich bin sehr gerne hier zuhause.

Aber ich bin auch sehr gerne in Berlin, wie ich auch in vielen anderen Städten dieser Welt sehr gerne bin. Abgesehen von meiner Geburtsstadt Basel ist natürlich keine so schön wie Zürich. Vor allem aber ist keine so sauber wie Zürich.

Und doch gefallen mir diese Städte; eben, weil sie nicht nur schön sind, nicht wie aus dem Ei gepellt glänzen, weil sie verratzte und ja, auch schmutzige Seiten haben.

Nun, als ich dieser Tage durch die Strassen Kreuzbergs flanierte, ist mir aufgefallen, wie die Berliner ihre Weihnachtsbäume entsorgen: Sie stellen sie einfach auf die Strasse. An gewissen Orten standen sie so dicht, als wäre ein Tannenwald angepflanzt worden.

In Zürich sehen Sie das nicht. Der Weihnachtsbaum muss zur vorschriftsgemässen Entsorgung auf maximal 1 Meter 50 gekürzt und mit seinen Ästen zusammengebunden zur Abfuhr bereitgestellt werden.

Ich weiss ja nicht, wie das bei Ihnen ist. Aber haben Sie eine Säge im Haus? Ich jedenfalls hatte grad keine zur Hand in meiner Küche, darum hab ich es zuerst mit dem Brotmesser versucht, dann mit roher Gewalt. Vergeblich. Der Baum blieb standhaft und am Stück.

Bei uns hier in der Stadt ist beim Recycling eben Präzision und Liebe zum Detail gefragt. Zeitungspapier wird nur mitgenommen, wenn es Kante auf Kante in säuberlichen Stapeln gebündelt und übers Rechteck verschnürt ist. Der Karton wiederum muss gefaltet werden und darf auch nicht in Säcken schon am Vortag draussen stehen.

Für’s Glas scheppern wir mit unseren leeren Wein- und Biefflaschen quer durchs halbe Quartier, um diese dann nach Farben getrennt einzutonnen – wobei sich mir das mit „hier Grün“ und „dort Braun“ farblich noch nie erschlossen hat. Die Pet-Flaschen wiederum, die dürfen nicht an den Sammelpunkten abgeladen werden – für die geht’s weiter zu Denner, Coop oder Migros; wenigstens scheppert das nicht.

In Berlin wird das Zeitungspapier oder der Karton anders entsorgt. Da stehen im Innenhof Tonnen und man schmeisst es einfach rein. Oder das Pet. Oder – sofern kein Dosenpfand – auch die Flaschen.

Meine Damen und Herren – in Berlin sieht man einiges etwas entspannter, wie in vielen anderen Städten dieser Welt auch. Sie sind daher vielleicht auch etwas schmutziger. Aber entsorgt wird der Müll auch – einfach etwas anders, vielleicht etwas undogmatischer. Das gereicht übrigens zumindest in Deutschland oder auch in Österreich nicht zum Nachteil der Umwelt; in beiden Ländern wird beispielsweise mehr Siedlungsabfall recycliert als in der Schweiz. Wir wiederum produzieren europaweit immer noch pro Kopf am meisten Abfall.

Und darum frage ich Sie: Geht es bei uns eigentlich um den Schutz der Umwelt oder um eine Bevormundung à la Fräulein Rottenmeier?

Ich gestehe, ich fühle mich ab und zu gegängelt als Mensch in dieser Stadt und als Bürger in diesem Land. Und daher mischt sich in das Wohlfühlen auch immer wieder eine Form des Aufbegehrens, des nach-Luft-Schnappens, des Ausbrechen-Wollens. Ein Zuviel an Schönheit, Glanz und Zwang zur Korrektheit weckt bei mir notorisch Abwehrreflexe.

Wir Schweizer gelten als korrekt – und wir sind es im Schnitt auch. Das ist eine feine Tugend, aber wenn es umschlägt ins Bünzlige, ins Kleinkarierte, ins „Das macht man nicht“, dann zeugt das auch von Ängstlichkeit und fehlendem Augenmass. Und das stört mich.

Denn so bleibt vieles immer klein, weil Perfektion als etwas ganz Grosses betrachtet wird – und nicht umgekehrt Grosses als Perfektion. „Willst Du Dich am Ganzen erquicken, musst Du das Ganze im Kleinsten erblicken“ – das stammt von Goethe und es ist wahr!

Wenn wir nur noch darauf konzentriert sind, dass alles korrekt ist, dass alles stimmt, dann verbiedern und verbiestern wir als Gesellschaft. Und dabei geht viel „joie de vivre“ flöten, Lockerheit – Grosszügigkeit – und Grossherzigkeit.

Und ja, lieber Zuhörerinnen und Zuhörer, der nicht akkurat verschnürte Weihnachtsbaum, der unangepasst zur Entsorgung auf die Strasse gestellt wird, ist auch und nur ein Detail, aber vielleicht eben eines, das als Chiffre passt für das grössere Ganze, das uns vielleicht etwas abhanden gekommen ist in diesem Land: Augenmass zu behalten und damit auch Auge zu haben für Freches, Mutiges und Schräges.

Eigentlich hat die Schweiz doch anderes zu bieten, als Kleinkariertheit. Mehr als das ängstliche Einzäunen des einzelnen Gärtchens und misstrauische Beäugen des nicht korrekt zusammengebündelten Altpapiers des anderen.

Ja, wir haben dieser Tage wahrlich Grund für Ängste, auch für das Einzäunen. Wir leben in schwierigen Zeiten, weil sich einige der bis anhin gültigen Wahrheiten als Trugschlüsse herausstellen. Die lange Phase einer friedlichen und prosperierenden Ära, wie sie Europa und die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg erleben durfte, ist vorbei. Es finden Zäsuren epochalen Zuschnitts statt, in denen Gewissheiten von Unsicherheit abgelöst werden.

Und doch, bei allen Sorgen und trüben Aussichten, vergessen sollten wir nie, dass es auch eine Zeit der ungeheuren Möglichkeiten, der Vielfalt, des Aufbruchs und der Chancen ist – und es eigentlich ein Privileg für uns alle darstellt, in einer solchen Zeit Dinge beeinflussen zu können.

Und erinnern wir uns immer wieder daran, was uns als Bewohner dieses Landes und als Land in der Vergangenheit ausgezeichnet hat: Mut, Tatendrang, Kreativität und Sehnsucht.

Erinnern wir uns beispielsweise an jenen jungen Schweizer, der Anfang des 19. Jahrhunderts seine Heimat mit dem Ziel Amerika verlassen hat. Er stammte aus Bonfol im nordwestlichen Jura, war Mechaniker und wollte Autos bauen – möglichst grosse und möglichst schnelle. Schon sein Vater, ein Uhrmacher, hatte die Schweiz in Richtung Burgund verlassen, weil das, was ihm die serbelnde heimische Uhrenindustrie zu bieten hatte, nicht mehr reichte, um die immer grössere Kinderschar zu ernähren. Der junge Louis-Joseph fand sein durchzogenes Glück am Ende in Detroit, und noch heute tragen Millionen von Autos in aller Welt seinen Familiennamen: Chevrolet.

Der Schriftsteller Alex Capus hat diese für die Schweiz so typische Biografie unter dem Titel «13 wahre Geschichten» nachgezeichnet, zusammen mit anderen vergleichbaren Schicksalen. Der schmale Band sei vor allem jenen zur Lektüre empfohlen, die immer wieder der Abschottung Helvetiens und der Kleingeistigkeit das Wort reden.

Denn diese Stimmen irren: Wirtschaftlichen Erfolg und damit, gemessen an der Grösse, überproportionale internationale Bedeutung hat die an Bodenschätzen arme Schweiz nur erzielt, weil sie sich stets dem Fremden und der Fremde öffnete, weil sie visionär und mutig war, und Visionen und Mut zuliess. Erfolgreich mit Schweizern, die ins Ausland zogen; und mit Ausländern, die sich in der Schweiz niederliessen – unter ihnen auch Flüchtende.

So steht der weltweit grösste Nahrungsmittelproduzent Nestlé für Schweizer Qualität und Zuverlässigkeit. Gegründet hat den Konzern Heinrich Nestle, damals noch ohne e aigu – wie die vielen Bührles und Saurers der Schweizer Industriegeschichte war auch er als Deutscher ein Ausländer.

Was lernen wir daraus? Innovation, gepaart mit unternehmerischem Denken, benötigt kluge und tüchtige Köpfe, Offenheit und pragmatische Flexibilität: Und nicht immer mehr Regeln, Normen oder Vorschriften nach Strich und Faden.

Das schliesst ja gar nicht aus, dass wir das Eigene wertschätzen – meinetwegen auch die Korrektheit. Heimatverbundenheit, aber auch Zuverlässigkeit und Achtsamkeit sind wichtig für unser Wohlbefinden, gerade in Zeiten rastlosen globalen Nomadentums und grenzenloser hedonistischer Selbstverwirklichung. Schlägt Verwurzelung aber um in satte Selbstzufriedenheit, dann sind wir auf direktem Weg hin zu Ignoranz und Trägheit, Kleingeist und Kleinmut.

Die gute Nachricht lautet: Noch können wir die nächste Abzweigung nehmen, eine andere Richtung einschlagen. Die uns in eine Zukunft führt, in der wir unsere Gestaltungsfreiräume nicht leichtfertig aufgeben, Freiräume übrigens, von denen unsere Väter- und Mütter nie zu träumen gewagt hätten! Haben wir den Mut, sie zu verteidigen!

Überhaupt sollten wir wieder mehr Mut haben. Ja, auch Mut zum Spektakel, und ich meine damit wirklich nicht das Feuerwerk über dem Seebecken, sondern Mut zum Schrägen, zum Avandgardistischen, zum Unangepassten, zum Schöpferischen, zur Vision. Und unbändigen Mut, Biederkeit und Kleingeist zurückzudrängen, im Grossen genauso wie im Kleinen.

Denn wer kein Visionär ist, träumt keine Utopien, wer keine Utopien träumt, schmiedet keine Pläne, wer nichts schmiedet, spürt nie die Hitze des Feuers.

Tannenbäume übrigens, das kann ich Ihnen versichern, brennen am Stück genauso gut wie zerkleinert.

Der meinige wurde am Ende in strammer Länge mitgenommen – danke, Grün Stadt Zürich für das Augenmass. Und danke Ihnen fürs Zuhören.

Ich wünsche Ihnen ein gutes Jahr –
und dabei viel Zuversicht und etwas Unbeugsamkeit!

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