Menu

9. Winterrede: Judith Giovannelli-Blocher: Gute Nahrung aus guter Erde

Von Judith Giovannelli-Blocher 25. Januar 2016 Keine Kommentare

Gute Nahrung aus guter Erde

Hey, ihr Lieben da unten, die ihr bei Eis und Schnee gekommen seid, um einer Alten Frau zuzuhören!

Ich weiss gar nicht, weshalb ich in letzter Zeit so viel an die Zeit des Ende vom Zweiten Weltkrieg denken muss. Damals lag Europa in Trümmern, wir mitten drin, vom Kriege verschont. Es fing eine neue Zeit an, wir heranwachsenden Kinder nahmen staunend etwas von den in Trümmern liegenden Ländern wahr. Ganz tief eingegraben ist in mir der Friedenstag vom 8. Mai 1945. Er begann mit Glockengeläute, es war Schul- und Arbeitsfrei. Die Menschen sassen in Sonntagskleidern vor den Häusern, schauten staunend über Land – und konnten es nicht fassen, dass ausgerechnet wir Schweizer inmitten von Kriegbetroffenen Ländern ohne Waffengewalt davon gekommen waren. Damit hatte man nicht rechnen dürfen. Man konnte es kaum fassen.

Am Morgen hatten wir Schulkinder uns zum Chor zusammen gefunden, hatten unsere in der Näh-Schule genähten Werktags-Trachten mit den handgewebten Leinenschürzen, die steif an uns herunterhingen, an und sangen: „Brüder, reicht die Hand zum Bunde…“

Dann wanderten wir mit Körbchen von Haus zu Haus, hatten sie an diesem schönen Maientag mit Blumen geschmückt, und sammelten für die Kriegsbetroffene Bevölkerung unserer deutschen Nachbarschaft.

Ich bin am Rheinfall, hart an der Schweizergrenze aufgewachsen. Über dem Rhein sahen wir unser Nachbardorf, Altenburg-Rheinau im Badischen. Aus dem Kirchturm hing eine weisse Fahne. Ich fragte meine Mutter, was das sei. Sie antwortete: „Die Deutschen haben sich ergeben müssen!“ Mich schauderte der Eindruck, dass Krieg auch Demütigung bedeutet, bleibt mir seither unvergessen.

Die Dankbarkeit der Schweizer Bevölkerung war damals immens, man kann sich Heute kaum mehr vorstellen! Die Leute warfen grosse Noten in unsere Sammelkörbe. Eine Frau z.B. eine sFr. 200.- Note. So etwas hatte ich noch nie vorher gesehen. Die Flüchtlingshilfe wurde aktiv. Die Hilfe von Freiwilligen schwoll an. In den Nachkriegswochen holten wir Woche für Woche Kinder aus Kriegsversehten Städten in unsere Gemeinde. „Zum Auffüttern,“ sagte man. Wie Christbäume reich behängt mit Paketen und Netzen wurden sie wieder, zum Beispiel, nach Donau-Eschingen zurückgebracht. Natürlich alles „ein Tropfen auf einen heissen Stein“, trotzdem nicht vergebens. Nicht nur das Böse wuchert. Auch das Gute setzt sich fort, ich bin überzeugt. Gott sei Dank ist die damals in der Schweiz entstandene Hilfsbereitschaft nicht einfach versiegt, sondern ist, wie mir scheint, erstarkt. Heute ist man soweit, dass Menschen guten Willens finden erneut zusammen und geben sich die Hand. Fast unsichtbares gegenseitiges füreinander-Dasein, hat sich gebildet. Davon ist in der Zeitung wenig die Rede, um so mehr muss man darauf hinweisen. Es ist unsere Verantwortung, dass man das nicht verschweigt, sondern davon redet!

Die von mir hoch verehrte Geschichtsprofessorin Beatrice Messmer in Uni-Bern hat stets betont: „Die Geschichte ist vertrauensstiftend…“.

Das scheint auf den ersten Blick unglaubwürdig. Aber trotzdem ist es so, dass auch nach grossen Katastrophen bisher die Welt weiter gegangen ist und konstruktive Ansätze nicht zulassen, dass das Menschliche ganz verschwindet.

Meine Jugendfreundin Vreni, ganz in der Nähe von Hier unweit des Centrals, in einer schönen Villa aufgewachsen, 10 Jahre älter als ich, hat sich nach dem Krieg entschieden, nicht in der ruhigen Schweiz zu bleiben, sondern in den ehemaligen Kriegsgebieten bei der Aufarbeitung der Not mitzuhelfen. Sie arbeitete im bekannten Flüchtlingslagere ESPELKAMP in Deutschland mit, lernte dort ihren späteren Mann kennen, und hat mit ihm zusammen, von Berlin aus, die Gesellschaft „Freundschaft Deutschland – Sowjet-Union“ gegründet. Trotzdem hat sie die Schweiz nie vergessen, und wir sind immer in Kontakt geblieben. Und was schreibt mir die jetzt vom Alter schwer betroffene, auf zwei Krücken herumhumpelnde 92-jährige Frau, nun schon seit einigen Jahren Witwe?

Kein Wort davon zum neuen Jahr, sondern immer noch ausgerichtet auf die Aufgaben der Welt: „Gott hat Euch nicht gegeben den Geist der Verzagtheit, sondern die Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ Notiert sie mir in die Agenda!

Soll ich das dem WEF, das Heute beginnt, nach Davos schicken? Dort suchen die immer noch verzweifelt nach nicht erkennbaren Zeichen von WACHSTUM!! Vom Umkehr ist noch wenig zu spüren! Liebe Zuhörer/Innen der mittlerweile reichsten Stadt der Welt! Seien wir mutig. Es braucht Heute Alle und jeden, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, Mut, Liebe und Besonnenheit, es wird eine lange und nicht einfache Wanderung sein, aber wir haben ein geschichtliches Bewusstsein, dass solche Anstrengungen möglich sind, auch wenn sie stets wiederholt werden müssen. Übersehen wir die Leidenden nicht. Seien wir kritisch gegenüber Wachstumsparolen und Schönfärbereien, eine Umkehr ist nötig und möglich!

Liebe Mitmenschen! Tun wir doch nicht immer die Klagelieder mitbeten, sondern halten wir uns an das Aufbauende, behalten wir den Überblick, vergessen wir das Vertrauensstiftende der Geschichte nicht, denn etwas Anderes als diese haben wir nicht, und helfen wir unverzagt mit Aufbau einer hoffentlich etwas besseren Welt!

Judith Giovannelli-Blocher. Geboren im Jahr 1932.

Themen:
Neueste Artikel von Judith Giovannelli-Blocher

Kommentieren