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All die kleinen Huntingtons

Von Silvan Gisler 13. Januar 2015 Keine Kommentare

Nach den Bluttaten in Paris kommen, rufen und marschieren sie wieder: die Kulturkrieger. Gegen den Islam, für das Abendland. Sie geben einem vermeintlichen «Clash of Civilizations» Auftrieb. Hatte Samuel Huntington mit seiner These also Recht?

Geert Wilders will gleich die gesamte Einwanderung aus muslimischen Ländern stoppen; Marine Le Pen will die Todesstrafe wieder einführen; Pegida will nun auch in der Schweiz gegen die Islamisierung marschieren und JSVP-Chef Anian Liebrand will munter mitlaufen.

Das alles darf man wollen und sagen. Das ist ja gerade der Punkt bei der Meinungs- und Pressefreiheit: Ich muss nicht mit dem Gesagten einverstanden sein, um für das Recht, es zu äussern einzutreten (Voltaire und so). Dumm und demagogisch sind die Wortmeldungen aus meiner Sicht dennoch, und allzu viel Aufmerksamkeit hätten sie eigentlich nicht verdient – wenn sie denn nicht auf eine grundsätzliche Gefahr hinweisen würden: Viele befeuern in ihrer Mission, die «Werte des Abendlandes / des Westens» zu verteidigen, einen Kulturkampf.

Der verstorbene Politikwissenschaftler Samuel Huntington hat in den 90er Jahren seine These eines «Clash of Civilizations» lanciert und die Aussage, dass wir sowohl im Innern wie auch gegen aussen unweigerlich auf einen religiös und kulturell bedingten Zusammenstoss zusteuern, politisch salonfähig gemacht. Wenn nun also in Frankreich aufgewachsene Islamisten die Redaktion eines Satiremagazins massakrieren, fühlen sich viele bestätigt: Die Islamisierung ist fortgeschritten, wir müssen uns wehren, wir müssen unsere Werte verteidigen.

Das ist in vielerlei Hinsicht stossend, entsprechend der Fundamentalkritik an Huntingtons Thesen: Sie sind pauschalisierend, undifferenziert, klammern verschiedenste sozio-ökomische Faktoren aus und stilisieren ein unflexibles, eingegrenztes und starres Kulturbild, das davon ausgeht, dass man die Leute aufgrund einer religiösen Landkarte bestimmten moralisch-ethischen Werten zuordnen könne. Hier die aufgeklärten Freiheitsliebenden, dort die rückständigen Fundamentalisten.

Dass so viele, die sich zu Ersteren zählen, vielleicht doch tendenziell zu Letzteren gehören, führt einem «Charlie Hebdo»-Karikaturist Bernard Willem Holtrop vor Augen, wenn er sich gegen die Vereinnahmung durch die Pegida wehrt und sich über all die «neuen Freunde» wie Marine Le Pen aufregt. Dass Marine Le Pen die Todesstrafe wieder einführen will, um dem Fundamentalismus zu begegnen, sagt schon alles über die Widersprüche der neuen, vermeintlichen Verteidiger von «abendländischen Werten» – ebenso wie die Tatsache, dass am Marsch für «Charlie Hebdo» in Paris Staatsleute teilnahmen, welche in ihren Ländern die Meinungs- und Pressefreiheit mit Füssen treten.

Der Westen ist gegen fundamentale Meinungen und Verletzungen von Freiheiten nicht gefeit. Wir sind keinesfalls die Musterschüler, als die wir uns nun in corpore darstellen. Ebenso wenig, wie muslimisch Gläubige anfälliger sein sollen für Terrorismus oder gar in ihrer Tendenz gewalttätig (dazu empfehle ich sechs Grafiken von Watson).

Indem von der «Islamisierung des Abendlandes» und von der «Verteidigung der Werte des Westens und der Aufklärung» gesprochen wird, werden genau jene künstlichen kulturellen Grenzsteine gesetzt, die Huntingtons These zugrunde liegen. Das ist verheerend, denn es erschwert die Debatte unter den gemässigten Kräften und legitimiert radikale Ansichten. Die einen sehen sich durch den Westen unterdrückt, die anderen durch eine vermeintliche Islamisierung bedroht. Die Realität spielt dabei keine grosse Rolle mehr.

Die Minarettiniative, welche 2009 angenommen wurde, würde heute wohl noch mehr Zustimmung erhalten. Grundsätzlich islamfeindliche Ansichten treffen sowohl in der Schweiz wie auch sonstwo in Europa auf guten Nährboden. Dem ist durch die gemässigten Kräfte aller Kulturkreise und mit einer differenzierten Debatte beizukommen. Denn Huntingtons starres Kulturverständnis mag noch so wenig mit der Realität zu tun haben: Setzen wir dieser Entwicklung nichts entgegen, vermögen radikale Kräfte auf beiden Seiten ihre Ansichten unter dem Deckmantel eines hochstilisierten Kulturkampfes gegeneinander auszutragen.

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