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Allen Leuten recht getan…

Von Christoph Sigrist 3. April 2014 1 Kommentar

Grundsätzlich bin ich sehr dankbar um die Securitas-Präsenz beim Rösslibrunnen am Eingang der Kirchgasse, wenn man beim Grossmünster in Richtung Niederdorf geht. Denn sie sorgt dafür, dass nach 19 Uhr kein Weg mehr hinunterführt für all diejenigen, die nichts zu suchen haben im «Dorf» – denn schliesslich haben jene, die hier wohnen, auch viel auszuhalten angesichts der «Festhütte», die das Niederdorf oft ist.

So weit so gut. Was aber, wenn alle Parkplätze beim Obergericht besetzt sind und man mit dem Freund noch ins Karli gehen möchte? Manch alter Hase bei der Securitas winkt mich durch, nachdem wir im Gespräch über Gott und die Welt gemeinsam zur Ansicht gekommen sind, dass das Gesetz nicht für den Menschen da ist, sondern der Mensch für das Gesetz (vgl. Markusevangelium 2,27).

So weit so gut. Was aber, wenn Mitwirkende von Nachtmeditationen mit ihrer ganzen Ausrüstung vor das Grossmünster fahren müssen? Was, wenn der Hinweis auf das Ausfüllen des Formulars in der Hektik des Alltags vergessen ging? Ist nun die Bürokratie für den Menschen da oder der Mensch für die Bürokratie?

In diesem Fall ist es so, dass man der Sopranistin sagt, «rede mit dem Mann der Sicherheit, er lässt Dich schon durch!»

Ich bekomme den Anruf aufs Handy mitten beim Vorbereiten der Meditation. «No go! Er lässt mich nicht durch! No way, keine Chance! Komm, hilf.»

Wenn ein Pfarrer zu Hilfe gerufen wird, dann liegt es in der Sache, dass er alles stehen und liegen lässt. Sofort renne ich die Kirchgasse im Dunkeln hinauf und treffe auf den aufgeregten Securitas-Mitarbeiter. «Ich darf sie nicht durchlassen. Das ist Vorschrift! Sonst kriege ich ein Problem mit meinem Vorgesetzten. Ich riskiere den Job, wenn ich es tue.»

Nicht etwa meine Kollegin, die Sopranistin, zittert jetzt vor Angst, sondern der neue Mann der Securitas. Ich merke bald, dass er zutiefst verunsichert ist. Er erzählt aufgeregt, dass er erst seit ein paar Tagen im Dienst ist. «Sie als Pfarrer zwingen mich, etwas zu tun, was ich nicht kann!»

Diese Anschuldigung trifft mich wirklich. Ein Pfarrer, der zwingt. No go! Eine Kirche, die zwingt, no way! Da hebt sich die Barriere, und hinter dem Wagen eines Bewohners schleicht meine Kollegin in den verbotenen Bezirk. «Sehen Sie, Herr Pfarrer, nun ist sie hineingefahren. Ja nu, dann lassen Sie sie halt drin. Doch ich kriege Schwierigkeiten, wenn es mein Chef erfährt. Es geht nicht, dass Sie mich dazu zwingen, Herr Pfarrer.»

Ich als Pfarrer, der zwingt? Ich renne zum Auto und überzeuge die Frau, dass sie wieder hinausfahren und das Auto im Parkhaus abstellen muss. Ich renne zum Auto des Securitas-Mannes. «Ach, lassen Sie doch das Auto dort, ich drücke für dieses Mal ein Auge zu. Sie sind auch im Stress und ich möchte nicht, dass Sie dann in der Kirche einen Blödsinn erzählen und ich bin schuld.» «Und ich möchte nicht, dass Sie einen Pfarrer erleben, der Sie in die Knie zwingt. Ein Pfarrer ist da, um zu helfen – wie auch jemand, der für die Securitas arbeitet. Ich entschuldige mich sehr für die Not und ich habe viel gelernt.»

So geschieht es, dass sich mitten in der Stadt mitten in der Nacht ein Gespräch über die Berufsethik einstellt, ausgelöst durch eine Kleinigkeit. No go: Ein Pfarrer hat zu helfen, nicht zu zwingen! Menschen nicht zu instrumentalisieren für einen Zweck, sei es für missionarischen Eifer oder finanzielle Sicherung, das gilt für die Kirche allgemein.

No way: Ein Securitas-Angestellter hat für die Sicherheit zu sorgen und nicht zu schummeln! Die Augen nicht zudrücken, um so Vetterliwirtschaft und Kuhhandel zu fördern, das gilt für die staatliche Gewalt mit ihren Instrumenten von Polizei und Securitas allgemein.

So weit so gut. Trotz allem ist dies eine harte Erkenntnis, wenn man mit Schweissperlen in Not versucht, für dieses eine Mal die Ausnahme der Ausnahme auszuhandeln….

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1 Kommentar

  • Patricia Schneider

    … die Geschichte stimmt mich nachdenklich.

    Auf der einen Seite steht da ein junger Bursche, der noch viel lernen möchte und seine Arbeit und Vorschriften sehr ernst nimmt, auf der anderen ein gestandener Mann, der viel und viele kennt und seine Arbeit zwar auch ernst nimmt, aber Vorschriften etwas lockerer sieht.
    Securitas vs Pfarrer. Der eine Beruf verlangt u.a. Bestimmtheit und Härte, der andere Verständnis und Hilfsbereitschaft. Zwei Menschen, die sich bei der Barriere gegenüberstehen.

    Schliesst die Barriere aus? Zeigt sie Grenzen auf?

    Der eine kennt sie noch nicht, die richtigen Personen, Beziehungen, Tricks. Gefangen in der Situation, in der man weiss, was das vorschriftsmässig Richtige wäre und doch das gegen die Regeln verstossende Falsche tun soll. Dieses Dilemma. Ich kenne es aus meinen ersten Schritten im Rechtsbereich. In Studien gelernt und überzeugt, genau zu wissen was Recht ist, stolperte ich in der praktischen Anwendung plötzlich über die Wünsche des Klienten, welcher von mir nicht die vorbildliche Anwendung des Rechten erwartete sondern eine kreative Version des erlaubten Unrechten. Was nun? Sollte ich auf der Stelle meine Illusion von Recht und Ordnung, von Erlaubtem und klaren Strukturen runterschlucken? Oder sollte ich stur erst mal meinen Weg als Neuling nach Recht und Erlaubnis ausrichten, Erfahrungen und Kontakte sammeln, um dann später genau zu wissen wann, wo und wie ich den Pfad der Vorschrift verlassen kann?

    Und ja, instrumentalisieren wir nicht alle – auch Pfarrer – hin und wieder andere zum einen oder anderen Zweck? Und wissen, es ist eigentlich nicht recht.

    Patricia Schneider

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