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Wahlbeobachterin

Anleitung: So wählst Du richtig

Von Adrienne Fichter 27. Januar 2014 Keine Kommentare

Wahlanleitung Adrienne FichterNun liegen sie vor mir, die vielen grauen Listen. Die Auswahl der Kandidaten beschränkt sich auf den eigenen Wahlkreis. Soll ich also Kandidaten wählen, die sich besonders für Höngg engagieren?

Oder muss ich die Botschaften in Form von Platitüden unterhalb der Porträts miteinander vergleichen? Oder ist das politische Standpunkte-Matching à la Smartvote das Mass aller Dinge? Wohl von allem ein bisschen. Hier meine subjektive Wahlformel.

Die Entscheidungen für die Abstimmungsvorlagen sind bauchtechnisch schon gefallen und kopfmässig bereits legitimiert. Eigentlich wollte ich das Couvert aufreissen, meine Antworten hinkritzeln und gleich einwerfen. Wären da nicht die Zürcher Gemeinderats- und Stadtratswahlen, die einer längeren Auseinandersetzung mit Köpfen und Inhalten bedürfen.

 

Wer unternimmt etwas für das Höngger Gewerbe?

Ratlos durchforste ich den via Post reingefluteten Broschürenblätterwald. Das Angebot beschränkt sich auf die Kandidierenden des eigenen Wohnkreises. Demnach – so könnte ich jetzt schlussfolgern – müsste ich diejenigen Kandidaten wählen, die besonders viel gegen das omnipräsente Lädelisterben in unserem Quartier unternehmen und konkrete, originelle politische Botschaften mit Höngger Bezug von sich geben. Doch weit gefehlt.

Auf den Broschüren lese ich von links bis rechts viel Phrasendrescherei. Alle reden von der 2000-Watt-Gesellschaft, bezahlbaren Wohnungen, dem Ausbau der Velowege (oder aber von mehr Parkplätzen), und niemand macht konkrete Vorschläge, wie beispielsweise das Verkehrsproblem beim Knotenpunkt Meierhofplatz endlich in den Griff zu kriegen ist. Und dies, obwohl sämtliche bürgerlichen Kandidaten brav ihr Engagement und Mitgliedschaft in einem Höngger Verein bekunden.

Immerhin: Mit Stadtrat Türler konnte ich am Rande der neulich besuchten Podiumsdiskussion über den Verlust des Höngger Bäckers «Baur» trauern und über die Ursachen des Höngger Gewerbesterbens fabulieren.

Was mir aber auch auffällt: Das Niveau der Wahlsprüche auf den Plakaten war früher auch schon weniger plump: «Vor den Sportferien FDP wählen!» «Danke, dass Sie CVP wählen!» Bei der SVP sind die Wahlslogans noch befremdender: Die Tugenden der Kandidaten werden in der 3. Person umschrieben. Das mag vielleicht die Aussensicht auf den Leistungsausweisen unterstreichen. Dennoch wirkt es etwas sperrig.

Weitere Kriterien: Beruf, Alter und Social Media

Gut, schauen wir uns noch andere Kriterien an als den Aktionsradius Höngg. Neben dem Quartierverein sind Alter, Beruf und die Zahl der Kinder angegeben. Erstes und zweites Attribut haben ihre Berechtigung. Ich möchte nämlich eine Wahlliste mit jüngeren Kandidaten zusammenstellen und finde die verschiedenen beruflichen Hintergründe spannend.

Was nun der gesellschaftliche Mehrwert hinter der Zahl der Kinder ist, die natürlich bei den bürgerlichen Parteien ganz prominent platziert ist, hat sich mir noch nicht erschlossen. Der eigene Beitrag für die Sicherung der Sozialwerke? Die Familienmanagement-Kompetenz? Ein grösseres Verantwortungsbewusstsein? Vielleicht bin ich auch noch zu jung dafür. Aber ich beurteile die politischen Problemlösungskompetenzen eines Kandidaten nicht aufgrund seiner Familiengründungsfähigkeit.

Wahlanleitung Adrienne Fichter

Zurück zu Job und Alter: Der junge Grüne Marcel Bührig (für mein Empfinden einen Tick «zu links») ist 19 Jahre alt und Web-Designer. Und omnipräsent auf Social Media. Ein Bonus bei mir. Da ich seine Botschaft in der Wahlbroschüre als relativ nichtssagend empfand, fragte ich ihn auf Twitter, was seine drei ersten Vorstösse im Gemeinderat wären. Die Antworten folgten prompt.

Liebe Kandidaten, ein in den sozialen Medien erreichbarer Politiker sollte 2014 schon längst eine Selbstverständlichkeit sein. Die aktive Präsenz macht bei mir oft viel Boden gut und entkräftet die hohlen Parolenphrasen in den Wahlbroschüren.

Dennoch scheint ein Profil beim für politischen Dialog geeigneten Kanal Twitter unter den Höngger Kandidaten die grosse Ausnahme zu sein. Eine Stichprobe meiner von Smartvote generierten Liste (der Altersdurchschnitt der ersten 12 Kandidaten betrug 32 Jahre) ergab: Gerade mal ein Kandidat – Michael Wiget von den Grünliberalen – war auf Twitter präsent.

Das Parship der Politik: Smartvote

Wenden wir uns von den oberflächlichen Kriterien ab und den substanzielleren Meinungsbildungsverfahren zu: Das Non-Plus-Ultra der polit-ideologischen Kartographie oder auch das «Parship der Politik» nennt sich Smartvote: Man wird online verkuppelt mit ein paar Kandidaten, die bei ca. 33 politischen Fragen ähnlich ticken, und erhält neben den vorgeschlagenen Personen auch gleich die passende Liste.

Idealerweise nimmt man die 1. Liste zur Hand und panaschiert und kumuliert alle weiteren passenden Smartvote-Kandidaten dazu.

Wahlanleitung Adrienne FichterDie Aussage eines Freunds auf Facebook bestätigt mich in meinem Vorgehen. Das Verfahren ist unpersönlich, aber effizient und wissenschaftlich gesichert (wenn auch von Seiten der Kandidaten manipulierbar).

Die Wahlformel besteht aus weichen und harten Faktoren

Kurzum, die perfekte Formel für das optimale Wahlergebnis setzt sich wohl folgendermassen zusammen: Einerseits haben wir die «harten Faktoren» politische Parteipräferenz (Listenwahl) und wissenschaftliche Smartvote-Wahlverfahren (Listenwahl), andererseits die «weichen» oder «social» Faktoren Sympathie (Kandidatenwahl für kumulieren/panaschieren), eventuell auch Quartierengagement (Kandidatenwahl), Dialog auf Social Media und persönlich (Kandidatenwahl).

Eigentlich, so könnte manch einer einwenden, müsste ich jetzt noch die persönlichen Begegnungen mit Kandidaten als Indikator für Volksnähe höher gewichten als die «anonyme» webbasierte Kommunikation. Neben dem Stadtrat Andres Türler wäre das noch Walter Wobmann von den Schweizer Demokraten, den ich beim Stammtisch «Bildung und Arbeit» im Karl dem Grossen kennenlernte. Alleine schon der Fakt, dass er jedem Stammtisch beiwohnte und sich auf Diskussionen einlässt – möge die Gesprächspartnerin politisch noch so anders geartet sein – macht ihn auf gewisse Weise sympathisch.

Doch den Namen eines Schweizer Demokraten auf meine Stadtratszettel zu schreiben, der systematisch für jedes politische Problem mit der Antwort «Weniger Zuwanderung!» aufwartet, wäre nun eindeutig etwas zu viel «social Faktor». Dann doch lieber das «kontaktlose» Addieren von politisch stimmigeren Kandidaten.

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