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Asyl in der Krypta

Von Christoph Sigrist 20. September 2013 1 Kommentar

Seit ich in der Sakristei des Grossmünsters mein Büro provisorisch eingerichtet habe, weil an und in der Helferei immer noch renoviert wird, liegt mir der «Karli» noch näher. Fast täglich gehe ich einmal «i de Karli» zu einem Gespräch oder zu einer Sitzung. Ich bin auch froh, dass meine Konfirmandenklasse an den Sonntagen, an denen sie im Gottesdienst und auch im Programm nachher engagiert ist, im Karli Asyl für Mittagessen und weitere Aktivitäten bekommt.

«Ich gane IN Karli» – diese Aussage wird im Grossmünster verwandelt zu «Ich gane ZUM Karli», also gewissermassen personalisiert. Warum?

Nun, dass das Grossmünster seit Jahrhunderten legendarisch auf den grossen Kaiser des Mittelalters, Karl den Grossen, zurückgeführt wird, ist stadtbekannt. Ebenso, dass die Entstehung des Grossmünsters historisch immer noch im Dunkeln bleibt und höchstwahrscheinlich Karl der Grosse nie in Zürich, sondern in Genf war und – auch das ist ziemlich sicher – über den Grossen St. Bernhard zog. Doch wir haben den Karlsturm. So thront Karl mit seiner Krone und dem Vogelschutzgitter wahrscheinlich seit dem 15. Jahrhundert oberhalb der Limmat und schaut zum Rechten.

Während der letzten grossen Renovation zwischen 1931 und 1941, zu Beginn unter Leitung des Kantonbaumeisters Hans Wiesmann, wurde die ramponierte Sandsteinfigur vom Turm genommen und eine neue aufgesetzt. Doch wohin mit dem alten Karl? Die Handwerker stellten den Brocken zuerst einmal in den Chor. Sie suchten «Asyl» für «ihren Karl» und fanden es in der Krypta. Sie legten den Boden des Chores frei und versenkten Karl in die Krypta. Nun, als gute Eidgenossen wussten sie wohl, wo monarchisches Gehabe hingehört. Allerdings hat das Symbol der weltlichen Macht eigentlich auch nichts mit der sakralen Atmosphäre einer Krypta zu tun, ausser vielleicht, dass auch jede Macht der Sterblichkeit unterliegt, die in der Krypta seit jeher ihren besonderen Geruch verströmt.

Vielleicht war es eine Notlösung. Vielleicht war es damals die beste Lösung, die Figur an den Ort zu stellen, den man zuvor für die Heizung brauchte. Sei‘s drum. Der versenkte Karl verströmt seit den Kriegsjahren für die Tausenden von Besuchenden jeden Tag eine eigentümliche Faszination. Er ist vielleicht die meist fotografierte Gestalt im Kirchenraum; sein weisser Bart wird gestreichelt, sein Schwert angefasst, die Scharniereisen abgetastet, die den Sandstein ursprünglich festklebten.

Für jeden Viert- oder Fünftklässer der Stadt gehört er ins offizielle Programm der Schule: Der Gang zum Karli. Auch ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Als Schüler der evangelischen Schule an der Waldmannstrasse gingen wir mehrmals ins Grossmünster, und andächtig tasteten wir «unseren» Karl ab. Bisweilen stehe ich heute abends alleine in der Krypta und meditiere in seinem Schatten, wie vergänglich alle Macht und jedes königliche Gehabe nach wie vor ist.

Und schon hat die schlichte Aussage «Ich gane zum Karli» eine viel grössere Bedeutung.

A propos vergänglich: Mehrere hundert Jahre ist die Sandsteinfigur alt, und sie wird noch mache Pfarrperson überleben und manchen Besuch erleben. Denn diese tonnenschwere Figur bringt man nicht mehr aus der Krypta. Sie bleibt, und dient den Besuchenden, um nachzudenken, was andere vorgedacht haben. Und bisweilen, während den Familiengottesdiensten unseres Quartiers, verwandelt sich das Schwert zur Kleiderstange für die Mäntel der Väter und Mütter – Friedensarbeit à la Karli…

Was warten Sie noch? Er wartet auf Sie, «de Karli», seien Sie herzlich willkommen.

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