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Auf der Suche nach dem Soundtrack of Summer

Von Felix Ghezzi 25. Juni 2014 3 Kommentare

Der Kopf des Bööggs explodierte am Zürcher Sechseläuten bereits nach 7 Minuten 23 Sekunden. Und tatsächlich deutet alles auf einen warmen und langen Sommer hin. Aber was ist dieser ohne den dazugehörigen Sound? Während ich im Winter melancholischen Melodien und anspruchsvollerer Musik gegenüber sehr aufgeschlossener bin, darf es in den warmen Monaten durchaus luftiger sein.

Seit einiger Zeit bringt mein CD-Player jedoch meine Silberlinge zum Hüpfen und ich kann nie sicher sein, ob er ein Lied ohne willkürliches Hin und Her mitten im Song abspielt. Das hat zur Folge, dass ich immer mehr Alben auf mein Handy runterlade, statt in einen Plattenladen zu gehen.

Das ist eigentlich sehr schade, da ich zum Beispiel dank der passionierten Musikliebhaber von Jamarico immer wieder auf Album-Perlen aufmerksam wurde, auf die ich auch durch Pitchfork, Spotify und andere Musikplattformen oder die «Käufer, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch»-Empfehlungen nicht gestossen wäre.

Ich bin also mal wieder die knarrende Holztreppe hoch in den ersten Stock am Helvetiaplatz gestiegen und habe nach aktuellen Sommerplatten fern der Hitparade gefragt. Woody Jakobs, der schon seit rund dreissig Jahren im Jamarico arbeitet, wühlte sich durch die CD-Stapel, die immer auf dem Tresen liegen. Von hier aus wird man beim Hören der CDs mit immer neuen versorgt – auch dann, wenn man nicht danach gefragt hat, passend zum eigenen Musikgeschmack.

Vor mir lagen vier CDs und ich hörte als erstes in die Platte mit dem glückverheissenden Titel «Love Letters» von Metronomy rein. Die Hülle mit rosa Wölkchen versprach frischen, verspielten Sound. Und die ersten zwei Songs schmeichelten mir tatsächlich in den Ohren: ein bisschen Seventies, Bowie, Prince, und auch Grizzly Bear assoziierte ich. Aber je öfter ich auf die Weiter-Taste drückte, desto beliebiger wurde es. Was sich bei dieser CD bereits abzeichnete, bewahrheitete sich auch bei den weiteren Alben: das Metronom tickt zwischen Retro und Gegenwart mit dem Hang, auf der linken Seite beinahe stehen zu bleiben.

So auch bei Pure X. Auf deren Hülle von «Angel» strapaziert den ästhetischen Geschmack ein Herz, das gegen die Spitze am Zerlaufen ist, darin ein mit Airbrush gespritzter Sonnenuntergang. Songtitel wie «White Angel» oder «Fly Away with me Woman» lassen Schlimmstes befürchten. Die Band meint es jedoch ironisch und die Platte ist gute Hintergrundmusik. Den Musik-«Heaven» habe ich nicht gefunden, vom «Valley of Tears» verschonten sie mich aber ebenso – wie auch zwei weitere Lieder des Albums.

Einen sprechenden Titel besitzt auch die zweite Platte der Broken Bells: «After the Disco». Beim dritten Song setzt James Mercer zwar zum Bee-Gees-Falsettgesang an, doch richtige Sommerpartystimmung kommt nicht auf. Alles in allem aber eine hübsche Pop-Scheibe.

Überraschend war die Empfehlung von José James’ «While you were sleeping». Denn dieser kommt ursprünglich aus der Jazz-Ecke, und das entspricht nicht dem Spezialgebiet des Plattenladens. Auf James` neuester Veröffentlichung hört man jedoch keinen klassischen Jazz, sondern vielmehr Acid-Jazz-Anleihen; seine Liebe zum Soul und R’n’B ist unüberhörbar, ebenfalls einige rockigere Elemente, angereichert mit etwas Jimmy Hendrix, und poppige Passagen, die von den späteren Tears for Fears stammen könnten. Wer dieses Crossover, das sich in der Platte sehr harmonisch fügt, wunderbare Soulstimmen, vertrackte Beats und transparente Produktionen mag, kommt mit José James ganz auf seine Rechnung.

Mit DER Sommerplatte bin ich leider nicht vom ersten Stock herunter ins bunte Treiben der Langstrasse gegangen. Und ehrlicherweise muss ich erwähnen, dass ich betont nach Easy-Sommer-Sound gefragt habe, und mir Woody gesagt hat, das seien «halt alles etwas oberflächlichere Scheiben».

Bevor ich aber tatsächlich die Kopfhörer im Jamarico ablegte, wollte ich noch eine letzte musikalische Einschätzung. Denn wie die Fussballweltmeisterschaft nun überall das grosse Gesprächsthema ist, so auch Lana del Rey und ihre frisch gepresste CD «Ultraviolence». Doch der Verkäufer winkte ab: «Langweilig, immer das Gleiche.» Ich wollte es trotzdem wissen. Und tatsächlich, beim ersten Durchgang bestätigte sich sein Urteil. Doch beim zweiten Hören schlich sich diese aufregende Langeweile, die diese Musik verströmt, bereits tiefer in die Gehörgänge, und es ist nicht undenkbar, dass die CD mit den lauen, verführerischen Lüftchen, die Lanas Gesang verbreiten, gar nicht so weit weg ist von einer guten Sommerplatte.

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren, sonnigen Sommer. Und sollten Sie DIE Platten-Perle für die warme Jahreszeit gefunden haben, lassen Sie es mich möglichst bald wissen.

3 Kommentare

  • Magnus

    Hey Felix, da empfehle ich Dir von Fatima die „Yellow Memories“ (Eglo Records). Eine frische Sommerbrise, auch musikalisch.

  • Felix Ghezzi

    Hey Magnus, danke vielmals für den Tipp! Wusste gar nicht, dass du dich auch in diesem Genre wohl fühlst. Tolle Stimme hat die Frau. Das Arrangement ist mir manchmal etwas zu eintönig, aber vielleicht lag es daran, dass ich es nicht mit Kopfhörer gehört habe und/oder sich die Finessen erst mit der Zeit entfalten. Inzwischen ist auch die neue How to dress well erschienen. Gute RnB/Elecronic-Scheibe, wie mir scheint. Mehr im Hip-Hop zu Hause, coole Grooves und immer wieder easy: The Roots. Sie bauen seit einiger Zeit mehr Störelemente in ihre Stücke ein: Electronica, Freejazz, dissonante Streicher.

  • Rainer Kamber

    Aufregend langweilig trifft es aber sehr genau, danke!

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