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Augenblick, verweile doch! Ich muss Dich fotografieren.

Von Brigitte Federi 13. Dezember 2013 1 Kommentar

Auf meinem Handy befinden sich 1082 Fotos. Fast alle habe ich selbst gemacht; in einem Zeitraum von fünf Jahren. Was bedeutet, dass ich durchschnittlich 1.7 Bilder im Tag schiesse. Die Bilder sind keine fotografischen Meisterwerke, sie stellen für mich vielmehr eine Art von visuellem Tagebuch dar. Menschen, Landschaften, Essen, Sprüche, schräge Situationen – ich blättere regelmässig in diesem Tagebuch.

Noch nie war es so einfach wie heute, Momente fotografisch festzuhalten, und noch nie waren wir so fleissig darin. Im englischen Fernsehen läuft zurzeit ein Werbespot eines Mobiltelefon-Herstellers, der zeigt, wie Eltern während einer Schultheater-Aufführung versuchen, ihre Kinder zu fotografieren. Sie drängeln sich vor, stehen einander im Weg, die Situation eskaliert – und kein einziger Erwachsener kriegt auch nur irgendetwas vom Stück mit.

Den Spot fand ich lustig, aber auch völlig übertrieben. Bis in unserer Wohnsiedlung die alljährliche Samichlaus-Feier stattfand und ich mich dabei ertappte, wie ich relativ brüsk eine Frau zur Seite schob, um fotografisch festzuhalten, wie mein Kind dem Samichlaus sein Versli aufsagte. Leicht beschämt entfernte ich mich aus der Menge und betrachtete die Menschenansammlung rund um den Samichlaus mit ein wenig Abstand. Sie glich einer Softvariante des Werbespots – zum Glück hat sich niemand geprügelt.

Ob an Veranstaltungen, in der Natur, in den Ferien oder einfach nur im Alltag: Wir fotografieren unser ganzes Leben. Früher haben wir uns über japanische Touristen amüsiert, heute sind wir selbst zu kleinen Knipsmonstern mutiert. Und Social Media hat uns gezeigt, dass es zumindest vordergründig Spass machen kann, sein Leben anderen Menschen zu zeigen.

Ich weiss nicht, wo ich mit meinen 1.7 Bildern auf einer Fotowahn-Skala stehe. Aber ich übe mich darin, das Handy auch mal in der Tasche zu lassen. Davor musste ich jedoch erst erkennen, dass ich vor lauter Dokumentieren einiges verpasse. Nicht alles einfangen zu wollen lohnt sich, auch wenn dann halt ab und zu ein kleiner oder grosser Moment in unserer Datenablage fehlt. Abgesehen davon sollten wir nicht vergessen, dass wir für das Festhalten unserer Erinnerungen auch noch ein körpereigenes Speichermedium besitzen.

1 Kommentar

  • beate

    wie immer wunderbar geschrieben, ich habe den beitrag amüsiert und zustimmend gelesen. wahrscheinlich liege ich auf der fotowahnskala noch etwas höher.
    beim letzten absatz sehe ich es für mich aber anders. weil ich mit dem handy immer eine kamera dabei habe, schau ich oft genauer hin um ein motiv zu finden. bleib stehen, schau mich um oder mache auch mal einen umweg, wenn ich am ende einer gasse ein schönes graffiti sehe.
    das fotografieren bringt mich dazu mir zeit für details zu nehmen, das können viele menschen auch ohne kamera, aber ich brauch wohl diesen kleinen schubs von meinem handy.

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