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Züri-Saga: Teil 5

Von Dana Grigorcea 16. Mai 2017 Keine Kommentare

Als Kind war ich in einem eben kindlichem Grössenwahn davon überzeugt, dass ich mittels häufiger Spaziergänge durch die Stadt immer tiefere Spuren im Stadtbild hinterlassen könnte – welcher Art diese Spuren auch immer sein würden, würde sich im Laufe meines Lebens durch noch zu erschaffende unvergessliche Werke, welcher Art auch immer, zeigen. So kam es, dass ich meine Spaziergänge mit grossem Ernst unternahm, wenn zunächst auch nur meine Strasse in Bukarest rauf und runter; wobei mich Mutter mahnte: „Bitte geh nur bis zur Ecke, damit ich dich vom Fenster aus stets sehen kann.“ Dann, mit zunehmenden Alter und aufkeimenden Unabhängigkeiten, kam ich in immer fernere Strassen, in ferne Städte und wie für mich neue Länder. 

Winterreden 2017: Tamara Funiciello

Von Tamara Funiciello 17. Februar 2017 Keine Kommentare

«I have a dream»

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer
«I have a dream». Ich habe einen Traum. Das ist einer der gefährlichsten Sätze auf der Welt. Ich werde euch in den nächsten Minuten erklären wieso – und wieso ihr gefährlich leben sollt.

Als ich die Einladung vom Team des Karl den Grossen erhalten habe, hier eine Rede zu halten, konnte ich mein Glück kaum fassen. Da soll ich doch tatsächlich von einem Balkon aus zu den Leuten sprechen. Wie der Papst. Oder Fidel Castro.
Und bevor Sie nun davonlaufen, verspreche ich Ihnen, dass ich weder zu beten beginne noch eine 8-stündige Rede halten werde. 

Winterreden 2017: Michelle Steinbeck

Von Michelle Steinbeck 2. Februar 2017 Keine Kommentare

Hoi Züri! Ich grüsse aus dem Elfenbeinturm. Die Kälte passt gut, nehmt sie als Metapher für den eisigen Wind, der durch den Wohnungsmarkt zieht.

Das folgende Stück heisst – frei nach einer Oper von René Pollesch und Tocotronic-Dirk, die den Titel wahrscheinlich noch anderswo abgekauft haben: «Von einer die auszog, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnte». 

Winterreden 2017: Franziska Schutzbach

Von Franziska Schutzbach 30. Januar 2017 Keine Kommentare

Ich freue mich sehr, dass ihr zu meiner «Winterrede» gekommen seid! Das ist hier vom Erkerfenster aus irgendwie pastoral. Ich hoffe, mein Beitrag wird nicht ganz so pastoral.

Mich hat in der letzten Zeit die Frage beschäftigt, wie wir aus einer progressiven, im weitesten Sinne linken Position heraus die aktuellen reaktionären Entwicklungen ‹ertragen› können, wie wir nicht nur politisch, sondern auch emotional damit umgehen. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich frustriert werde, verhärtet. Manchmal verzweifelt. Oder dauer-empört. Und dass mir dadurch viel Energie verlorengeht. Auch Freude. 

Winterreden 2017: Kijan Espahangizi

Von Kijan Espahangizi 27. Januar 2017 Keine Kommentare

Das Paradox der Migration – Plädoyer für einen fröhlichen Fatalismus

Kommt Ihnen das auch so vor? Wenn es in der Öffentlichkeit und in den Medien um Migration geht, fühlt sich das so an, als ob jemand einem direkt ins Ohr schreien würde. Mit einem paradoxen Effekt: Einerseits ist es maximal laut und andererseits versteht man kaum, was gesagt wird. Im politisch-medialen Diskurs zu Migration heute herrscht genau ein solches unangenehmes Geschrei vor: Das mediale Migrationsgeschrei ist einerseits obsessiv, laut, raumeinnehmend und andererseits stumm machend, all die leiseren Zwischentöne zum Verstummen bringend, all die Mitmenschen, Lebensrealitäten, Lebensgeschichten, die auf leise Sohlen gekommen sind. 

Winterreden 2017: Benjamin Fischer

Von Benjamin Fischer 23. Januar 2017 Keine Kommentare

Liebe Anwesende

Ich wurde eingeladen als jüngster Kantonsrat unseres wunderbaren Kantons Zürich und als Präsident der Jungen SVP, also als Politiker. Und wenn man in der Funktion des Politikers eingeladen wird, hat man in der Regel sehr genaue Vorgaben, über welche Themen man sprechen soll. Heute nicht. Meine einzige Limitierung für diese Rede: Aufhören, bevor der erste erfriert. Und so möchte ich die Gelegenheit nutzen und heute einmal nicht nur über Politik sprechen – fast nicht – naja so wenig wie möglich. Denn am Anfang und Ende ist dann doch alles irgendwie politisch. Aber das ist ja Ansichtssache, wie alles in der heutigen Zeit. 

Winterreden 2017: Hanna Wick

Von Hanna Wick 23. Januar 2017 1 Kommentar

Guten Abend, Heimatstadt
Schön, dass Sie da sind, liebes Publikum

Sie wissen, im letzten Jahr sind viele berühmte Menschen gestorben:
George Michael, Prince und David Bowie, Carrie Fisher, Hans-Dietrich Genscher, Zsa Zsa Gabor, Leonard Cohen, Phife Dawg, Elie Wiesel, Bud Spencer, Fidel Castro, Muhammed Ali, Zaha Hadid … und so fort. Die Liste ist lang. Und ich will sie nicht zu Ende präsentieren. Aber ich will Ihnen heute eine Person auf dieser Liste näherbringen, die mir besonders am Herzen liegt. Die wichtigste Tote des letzten Jahres. Sie heisst Vera Rubin. 

Winterreden 2017: Katja Gentinetta

Von Dr. Katja Gentinetta 23. Januar 2017 1 Kommentar

Die einen wollen kämpferisch «dem Volk die Macht zurückgeben», die anderen befürchten nachdenklich «zu viel Volk». Oder noch einfacher gesagt: Die einen zweifeln am Staat, die andern zweifeln am Volk.

Diese Auseinandersetzung ist nicht neu. Genau genommen ist sie rund 2’500 Jahre alt. Was soll der Staat? Und wer ist das Volk? Platon schrieb seine Politeia anlässlich des demokratisch legitimierten Mordes am Philosophen Sokrates. Wie konnte passieren, dass ein Mensch, der nichts als denkt und spricht, zwar kritisch und ohne falsche Angst, und damit die Menschen zum Denken anregt, zum Tod verurteilt wird? In einer Demokratie? 

«Die meisten haben mein Besprechungszimmer mit einem Lächeln verlassen»

Von Arlette Graf 1. Juni 2016 Keine Kommentare

Der bekannte Schweizer Dichter Jürg Halter erzählt im Interview mit Fadrina Arpagaus, wie er zum Lebensberater im Karl der Grosse wurde.

Du hast viele Berufsbezeichnungen: Dichter, Performer, Musiker – und jetzt noch Lebensberater. War das schon immer ein Berufswunsch von dir?

Ich redete schon immer gerne mit fremden Menschen, weil es den eigenen Horizont überraschend erweitern kann. Ich denke, jeder, der aufmerksam zuhören kann, sich selbst hinterfragt und sich nicht als Nabel der Welt sieht, ist ein Lebensberater.

Was ist im Service von «Jürg Halters Sprechviertelstunde» inbegriffen?

Ein 15-minütiges Gespräch unter vier Augen, ein von mir unterschriebenes Wachheitsdiplom, das als Aufforderung zu mehr Mut zu verstehen ist, und nicht zuletzt ein wunderschöner kleiner Kaktus in adrettem Tontöpfchen zum Gesprächstraining zuhause.

Worin unterscheidet sich deine Sprechviertelstunde von einer Therapiesitzung beim Psychologen?

Im Grunde genommen wenig, ausser dass sie einmalig ist, schneller und billiger. Natürlich stellt das Format als solches beiläufig den Therapiewahn in Wohlstandsgesellschaften in Frage. Aber das ist nur die Botschaft nach aussen. Die Gespräche sind ernsthaft und sehr individuell.

Wer kommt in deine Sprechstunde?

Bis jetzt kamen unter anderem eine Studentin der Medienwissenschaften, ein Geschäftsmann, eine Tänzerin, ein Arbeitsloser, eine Verkäuferin und eine Therapeutin. Also sehr unterschiedliche Menschen, was mich sehr freut und auch ein wenig überrascht hat.

Welche Themen wollen deine Gäste besprechen? Persönliche oder gesellschaftspolitische?

Vom Leistungswahnsinn über die schwindende Unabhängigkeit der Medien über die Definition von Liebe bis zum Nachdenken über die Grenzen des Sagbaren. Und eine Frau wollte darüber sprechen, weshalb sie immer zu spät kommt, aber das durchaus gerne, und wie dies aber meist zum Missfallen der Wartenden sei. Es war ein höchst amüsantes und absurdes Gespräch…

Du bist ja in deiner Funktion als Lebensberater ein bisschen der Seismograf der Schweizer Gesellschaft. Wie steht es denn zurzeit um die Befindlichkeit der Menschen, die in der Schweiz wohnen? Was bewegt die Leute?

Was mir aufgefallen ist: Viele wichtige Themen werden in den Medien zwar angesprochen, aber oft so verallgemeinert, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass sie Texte und Berichte darüber nicht eigentlich angehen. Und die Zukunftszuversicht scheint gering. Verständlicherweise. Es braucht eine Wende.

Kann man denn in 15 Minuten überhaupt die grossen Probleme erörtern?

Natürlich nicht. Die Idee ist, die Leute auf neue Gedanken zu bringen, ihnen neue Perspektiven zu zeigen, ihnen etwas Hoffnung zu machen. Ein Gesprächsanfang vielleicht, der neue Fragen zur Folge hat. Oft hatten die Gespräche eine Intensität, die manch längere Gespräche nicht haben, gerade, weil die Zeit knapp ist. Gleichwohl verlaufen die meisten Gespräche erstaunlich entspannt.

Was tust du, wenn du eine Frage nicht beantworten kannst?

Ich sage: Ich weiss es nicht. Und denke darüber nach. Ich bin ja kein Menschenverachter und Betrüger wie Mike Shiva.

Gibt es auch Themen, über die es sich zu schweigen lohnt?

(Halter schweigt.)

Wie muss man sich auf deine Sprechstunde vorbereiten?

Es braucht keine Vorbereitung, nur etwas Mut und Offenheit.

Wie waren bis jetzt die Rückmeldungen?

Die meisten Menschen haben sich über das Gespräch gefreut. Ein paar wenige hatten vielleicht zu bestimmte Erwartungen, aber die meisten haben mein Besprechungszimmer mit einem Lächeln verlassen – so glaubte ich es wenigstens zu sehen.

Eine Praxis spiegelt ja immer auch ihren Therapeuten. Wie sieht deine Praxis aus?

Die Praxis ist wunderschön in der Zürcher Altstadt gelegen, in einem Turmhäuschen auf der Sonnenterrasse vom Karl der Grosse direkt neben dem Grossmünster. Das Zimmer ist kaktus- und lichtreich. Es hängen ein paar Bilder, die… aber am besten man schaut selber vorbei.

Bei wem würdest du dich beraten lassen, wenn du die Möglichkeit hättest?

Spontan fallen mir sehr unterschiedliche Menschen, lebendige und verstorbene ein, welche, die ich bewundere, andere, die ich während des Gesprächs unauffällig in geistige Geiselhaft nehmen würde: John Berger, Hildegard Knef, Christoph Blocher, Peter Liechti, Judith Holofernes, Angela Merkel, Yanis Varoufakis, die Queen, Trump, Nietzsche oder Ruth Dreyfuss.

Die nächsten «Sprechviertelstunden» finden am 12. Oktober und 9. November von 17.30-21.30 Uhr im Turmzimmer auf der Dachterrasse vom Karl der Grosse statt. Anmeldungen unter karl.debattieren@zuerich.ch. Die freien Sprechzeiten finden Sie hier.

Jürg Halter, geb. 1980 in Bern, wo er meistens lebt. Halter ist Dichter, Musiker und Performancekünstler. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation. Regelmäßig Auftritte in ganz Europa, in den U.S.A., in Afrika, Russland und Japan. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Zuletzt erschienen der Gedichtband „Wir fürchten das Ende der Musik“ (Wallstein, 2014) und das Prosa-Foto-Buch „Hoffentlich verliebe ich mich nicht in dich“ (Edition Patrick Frey) mit Huber.Huber. Im Herbst 2016 kommt „Das 48-Stunden-Gedicht“ (Wallstein) mit Tanikawa Shuntaro. Halters erstes Theaterstück, „Mondkreisläufer“, feiert am 10. September am Konzert Theater Bern Weltpremiere.

www.juerghalter.com

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16. Winterrede: Regula Stämpfli

Von Regula Stämpfli 1. Februar 2016 Keine Kommentare

@laStaempfli
Reson2sell: Prolog

„Ein Banker, ein Schweizer und ein Asylant sitzen am gleichen Tisch. Darauf liegen 12 Kekse. Der Banker nimmt 11 und meint zum Schweizer: ‚Pass auf, dass der Asylant Dir nicht den letzten Keks wegfrisst.’“

Bei der kopernikanischen Revolution ging es nicht darum, ob die Erde um die Sonne kreist oder die Sonne um die Erde, mit anderen Worten: Es ging nicht um wahr oder nicht, sondern es ging darum, dass mit dem neuen Weltbild die alten Herrscher abdanken mussten. Die Hierarchie des Oben und des Unten war an den Mittelpunkt der Erde geknüpft, es war diese Rangordnung, die nicht in Frage gestellt werden durfte und nicht die Frage nach der Sonne oder nach der Erde. Kaiser, Fürsten, Bischöfe und Hexenverbrenner: Sie alle mussten die Sonne sein, um die sich die Untertanen drehten. Notwendigerweise wurden deshalb all jene verfolgt, die trotzdem meinten: „Und sie dreht sich doch“ beseitigt. 

15. Winterrede: Res Strehle: Wie sich Blocher von Dürrenmatt inspirieren liess

Von Res Strehle 30. Januar 2016 Keine Kommentare

Wie sich Blocher von Dürrenmatt inspirieren liess

Vor einem Vierteljahrhundert hielt Friedrich Dürrenmatt der Schweizer Classe Politique in seiner Gefängnisrede den Zerrspiegel vor. Ein Zuhörer nahm sein Gleichnis wörtlich.

Vor gut 25 Jahren hielt der grosse Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt eine Winterrede am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon. Anlass dazu war die Vergabe des vom Migros-Gründer gestifteten Preises an den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel, Schriftsteller und verfolgter Dissident.

Dürrenmatt war in Rage über den wenige Monate zuvor bekannt gewordenen Fichenskandal: Der Schweizer Staatsschutz hat im vergangenen Jahrhundert über 900’000 Personen und Institutionen auf Registerkarten geführt und diese Karteikarten – liebevoll und für heutige Ohren etwas antiquiert – Fichen genannt. Dahinter standen Millionen von Akten, zeitweilig war die Schweiz in Sachen Staatsschutz eine Mini-DDR. Informelle und formelle Mitarbeiter beobachteten Nachbarn, durchwühlten Abfallsäcke, sammelten Flugblätter und unterwanderten Arbeitsgruppen.  

13. Winterrede: Franziska Barmettler: Ökologie & Ökonomie

Von Franziksa Barmettler 28. Januar 2016 Keine Kommentare

Ökologie & Ökonomie

Zur Umwelt Sorge tragen ist etwas, was mir schon immer wichtig war. Es ist für mich etwas Selbstverständliches. Wie ein Urinstinkt. Ich glaube es kommt davon, wie ich erzogen wurde. Meine Mutter hat immer darauf geschaut, dass wir einheimische Produkte kaufen. Ich wusste schon als Kind, welches Gemüse wann Saison hat. Sie hat auch geschaut, dass ein Produkt nicht zu viele von diesen E’s drin hat und wir durften niemals Essen wegwerfen. Dadurch habe ich gelernt darauf zu achten, was ich kaufe. Ich war auch dieses nervige Kind, das meinem Vater beim Zähneputzen immer den Wasserhahn abgestellt und ihn dabei mit vorwurfsvollen Augen angeschaut hat. Sowieso verstehen Kinder sehr gut, dass man mit der Natur sorgfältig umgehen soll, man braucht es ihnen nicht gross zu erklären. 

12. Winterrede: Marc Spescha

Von Marc Spescha 27. Januar 2016 2 Kommentare

Buna saira, buona sera, good evening, bon soir, Citoyennes et Citoyens!

Liebe Einheimische mit und ohne Schweizer Pass. Schön, dass Ihr so zahlreich erscheinen seid! Willkommen sind aber auch PassantInnen aus Nah und Fern. Auch Sie lade ich ein, kurz inne zu halten und ein paar Minuten zu lauschen, was uns hier umtreibt, aktuell. Dass ich von oben herab spreche, lässt sich nicht ganz vermeiden, soll aber nur räumlich so bleiben.

Gute Laune sei eine unterschätzte historische Kraft, las ich wenige Stunden vor dem Jahreswechsel. Gute Laune also nicht nur aus persönlicher Geneigtheit oder als unabsichtliche Folge günstiger Umstände, sondern als „historische“, will heissen politisch wirksame Kraft. Dieser Kraft möchte man sich gerne verschreiben und ich habe sie mir auch zum Vorsatz fürs Neue Jahr gemacht. Ganz im Wissen darum, dass es nicht leicht sein dürfte, ihn einzulösen. Jedenfalls dann nicht, wenn man sich nicht zur Spassgesellschaft zählen mag oder nicht mit einem gänzlich unbeschwerten Naturell gesegnet ist. 

9. Winterrede: Judith Giovannelli-Blocher: Gute Nahrung aus guter Erde

Von Judith Giovannelli-Blocher 25. Januar 2016 Keine Kommentare

Gute Nahrung aus guter Erde

Hey, ihr Lieben da unten, die ihr bei Eis und Schnee gekommen seid, um einer Alten Frau zuzuhören!

Ich weiss gar nicht, weshalb ich in letzter Zeit so viel an die Zeit des Ende vom Zweiten Weltkrieg denken muss. Damals lag Europa in Trümmern, wir mitten drin, vom Kriege verschont. Es fing eine neue Zeit an, wir heranwachsenden Kinder nahmen staunend etwas von den in Trümmern liegenden Ländern wahr. Ganz tief eingegraben ist in mir der Friedenstag vom 8. Mai 1945. Er begann mit Glockengeläute, es war Schul- und Arbeitsfrei. Die Menschen sassen in Sonntagskleidern vor den Häusern, schauten staunend über Land – und konnten es nicht fassen, dass ausgerechnet wir Schweizer inmitten von Kriegbetroffenen Ländern ohne Waffengewalt davon gekommen waren. Damit hatte man nicht rechnen dürfen. Man konnte es kaum fassen.

Am Morgen hatten wir Schulkinder uns zum Chor zusammen gefunden, hatten unsere in der Näh-Schule genähten Werktags-Trachten mit den handgewebten Leinenschürzen, die steif an uns herunterhingen, an und sangen: „Brüder, reicht die Hand zum Bunde…“ 

7. Winterrede: Markus Spillmann: Oh Tannenbaum!

Von Markus Spillmann 20. Januar 2016 Keine Kommentare

Oh Tannenbaum!

Ich war dieser Tage in Berlin. Berlin ist gross, Berlin ist eine Hauptstadt, und Berlin ist ein wenig schmuddelig.

Zürich ist klein, ist keine Hauptstadt, und Zürich ist sauber. Ich bin sehr gerne hier zuhause.

Aber ich bin auch sehr gerne in Berlin, wie ich auch in vielen anderen Städten dieser Welt sehr gerne bin. Abgesehen von meiner Geburtsstadt Basel ist natürlich keine so schön wie Zürich. Vor allem aber ist keine so sauber wie Zürich.

Und doch gefallen mir diese Städte; eben, weil sie nicht nur schön sind, nicht wie aus dem Ei gepellt glänzen, weil sie verratzte und ja, auch schmutzige Seiten haben.