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Braucht Zürich eine «Neue 20 Minuten»?

Von Felix Ghezzi 9. September 2013 2 Kommentare

Es gehört zum guten Ton, darüber zu klagen, dass der Journalismus bachab geht. Immerhin, mit der NZZ haben wir in Zürich eine international renommierte Zeitung. Doch muss man es sich als Abonnent gefallen lassen, dass selbst diese aus einer «20 Minuten Online»-Geschichte einen redaktionellen Artikel bastelt?

Wer kennt es nicht: Man sitzt in gemütlicher Gesellschaft oder steht mit einem Bier in einer netten Runde und redet über dies und das. Und plötzlich landet das Gespräch bei den Gratiszeitungen. Niemand liest sie wirklich, jeder kennt aber trotzdem die Geschichte des Drogenkuriers, der sechs Kilo Kokain durch den Transitbereich des Flughafen Kloten schmuggeln wollte. Und dass man über das Schlagerschätzli Beatrice Egli mehr und Intimeres weiss als über viele Kolleginnen und Kollegen, findet man schon auch irritierend.

Und dann, zwei, drei rechtfertigende Schlenker weiter ist es endlich so weit: Die NZZ und der Tagi sind an der Reihe. «Die waren früher viiiel besser! Die bringen auch nur noch People-Geschichten.» Alle nicken. Jemand anderes wirft ein: «Und das Deutsch ist miserabel.» – «Und Hauptsache viele Bilder», fügt ein Dritter hinzu.
Ich staune jeweils über die oberflächliche Medienkritik, die ohne Argumente geführt wird. Die Statements könnten direkt aus den Strassenbefragungen der Pendlerzeitungen stammen. Und wenn ich daran denke, dass bereits vor über zwanzig Jahren in meinem Lehrbetrieb darüber gewettert wurde, wie schlecht es um die Qualität der Zeitungen steht, dann versuche ich mir vorzustellen, wie hochstehend die Zeitungsartikel zu Gross- oder gar Urgrosselterns Zeiten gewesen sein mögen.

Ich traue dieser Vergangenheitsverklärung nicht und finde immer wieder tolle Artikel in den Zeitungen. Allerdings bin ich in der «Alten Tante» am 14. August auf einen redaktionell bearbeiteten und also mit Kürzel geadelten Artikel gestossen, der mich stark irritiert. In Little Big City läuft offensichtlich so wenig, dass «jow.» in der gerade mal drei Seiten umfassenden Rubrik «Zürich und Region» eine «20 Minuten Online»-Meldung über den Lehrling Martin Elmer aufgriff. Dieser sei nach einer Wette mit einem seiner Ponys von Pfäffikon nach Uster an seinen Arbeitsort geritten. Immerhin: Die NZZ, bekannt für Qualität, wollte es noch genauer wissen: «Sie seien durch den Wald geritten und hätten unterwegs keine Probleme gehabt, sagte Elmer zur NZZ.»

Ob die Artikel in der allerersten Zürcher Zeitung (und späteren Neuen Zürcher Zeitung) am 12. Januar 1780 von der heute heraufbeschworenen journalistischen Qualität waren, kann ich nicht sagen. Eins bin ich mir sicher: Der Reiter auf dem galoppierenden Pferd, dem damaligen NZZ-Logo, hätte bei einem solch unsäglich banalen Artikel mit seinem Posthorn dem Journalisten gewaltig den Marsch geblasen.

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2 Kommentare

  • Claudio Sparascio

    Ist halt ganz im Allgemeinen so; seit die Medien auch (gratis) online präsent sein müssen wird nicht mehr gross investiert. Auch sehr beliebt: Mehrfachverwertung in den hauseigenen Kanälen.

  • […] Zurück am Bellevue, möchte ich an der Frauenbadi und dem Metropol vorbei Richtung Paradeplatz laufen und kehre in der Bar ein, welche noch immer einen Stapel dieser peinlichen Ausgaben des Magazins des Tages-Anzeigers aufliegen hat. Niemand weiss: ist es Werbung für diesen mir lieben Ort, eine weitere Umsetzung einer listigen Textidee oder ein Platzhalter für ein inspirationsloses Journalistenmoment? […]

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