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Das digitale Ortsmuseum

Von Brigitte Federi 26. Februar 2015 Keine Kommentare

Es ist bekanntlich nicht schwierig, sich beim Surfen zu verlieren. Mir ist es vor einigen Tagen wieder einmal passiert, als ich in Facebook auf eine Gruppe stiess, in der sich Leute austauschen, die im Kreis 3 aufgewachsen sind. Da gehöre ich zwar nicht dazu, aber «mein» Kreis ist mir in den über 15 Jahren, in denen ich in Zürich wohne, doch sehr ans Herz gewachsen. Zudem wächst mein Sohn hier auf, und je älter er wird, desto mehr fühlt auch er sich als «Wiediker».

Nun werden in solchen Gruppen natürlich hauptsächlich Erinnerungen ausgetauscht, die für Aussenstehende wenig interessant sind. Welche Lehrer Kopfnüsse austeilten oder einen in der Turnstunde gerne auch einmal den Uetliberg hoch schickten. Welche Schwimmlehrerin besonders unerbittlich war und welcher Kinderarzt nach der Untersuchung Willisauer-Ringli verschenkte. Ich habe aber auch Folgendes erfahren:

  • Der Friedhof Sihlfeld spielte eine wichtige Rolle im Leben eines Kreis-3-Kindes. Sei es für Mutpoben, Schulwegabkürzungen oder die erste heimliche Zigarette.
  • Am Albisriederplatz gab es eine Ticketverkäuferin, die im Auftrag der Eltern die dort spielenden Kinder im Auge behielt und sie abends auch rechtzeitig nach Hause schickte.
  • Jedes Quartierlädeli war für die eine oder andere exklusive Süssigkeit bekannt.
  • Die Bauarbeiter, die vor über 20 Jahren die Siedlung bauten, in der ich heute wohne, haben sich im Winter regelmässig Schneeballschlachten mit Kindern unserer Schule geliefert.
  • Die geringe Anzahl der zu pflegenden Ponys im GZ Heuried gab regelmässig Anlass zu Zickereien unter den Wiediker Mädchen.
  • Die «Zeitmaschine vom Goldbrunnenplatz»1 ist Vielen in bester Erinnerung.

Diese Geschichten werden bestimmt auch mündlich weitererzählt; dank der digitalen Erfassung stehen sie nun aber quasi der ganzen Welt zur Verfügung. Gewiss, es interessiert sich nur ein Bruchteil der Menschheit für die Alltagsgeschichten, der grosse Rest definiert sie schnell einmal als Internetmüll. Aber für genau diesen Bruchteil – zu dem ich selbst gehöre – sind die online konservierten Erinnerungen von unschätzbarem Wert. Dieses Sammelsurium, zusammengestellt von unbekannten Menschen aus meiner Nachbarschaft, zeigt mir wieder einmal, warum ich das Internet so toll finde.

Zudem wissen wir nicht, was aus der Gegenwart für die Zukunft einst relevant sein wird. Zwischen den oben aufgezählten Geschichten und heute mögen vierzig oder auch nur fünf Jahre vergangen sein. Irgendwann einmal werden es aber hundert und mehr sein, und Auszüge daraus finden sich dann vielleicht zwischen dem alten Kachelofen und den Schwarz-Weiss Fotografien im Ortsmuseum Wiedikon – wer weiss.

1Die Zeitmaschine vom Goldbrunnenplatz

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