Menu

Das Schweigen brechen

Menschenrechte haben die Menschen aufgestellt, um allen zu zeigen, welche Rechte jedem zustehen sollten. Doch da sind Gitter und Mauern, Stiefel und Folter, Ängste und Armut, Demütigung und Repression, die den Menschen ihre Rechte vorenthalten und sie zum Schweigen bringen.

Es ist ein Chor von Stimmen, die dieses Schweigen durchbrechen wollen. Doch es gelingt ihnen kaum, an unser Ohr zu dringen, weil wir uns in anderen Realitäten bewegen. Und wenn sie dann doch reden, die stummen Stimmen, dann versucht man alles, um sie wieder verstummen zu lassen.

Dass israelische Soldaten das Schweigen über ihren Einsatz im Gazastreifen brechen können – dazu verhilft in diesen Tagen Kapelle und Foyer unseres Kirchgemeindehauses, die «Helferei», mit der Ausstellung «Breaking the Silence». Dieses Brechen des Schweigens lässt alle Dämme brechen: es wird öffentlich diskutiert, teils kontrovers, in jüdischen Zeitschriften wie Tachles sachlich differenziert; und vor den Botschaften in Bern und Tel Aviv wird zornig demonstriert.

In den letzten Tagen erreichten die Kirchenpflege und auch mich im Pfarramt unzählige Briefe und Mails, in denen ich als «Feind Israels» und «Feind Gottes» betitelt wurde. Man forderte mich auf, das Brechen des Schweigens sofort zum Schweigen zu bringen. Man könne nur noch auf Schadensbegrenzung hoffen oder dafür beten.

Wo ist der Konsens geblieben, dass die Kritik an den politisch Verantwortlichen zum Erbe der christlich-jüdischen Tradition gehört? Dass der kritische Diskurs und die Disputation dazu dienen, Demokratie und Gewissensarbeit einer Gesellschaft – wie die in der Schweiz und in Israel – zu stärken? Dass das Verbieten und Verhindern des Dialogs über kontroverse Themen schädlich und Teil des Machtspiels ist?

Abgesehen von alldem erlebe ich in meiner Arbeit als Seelsorger immer wieder, dass es zu Isolation und Einsamkeit inmitten von Familie und Gemeinschaft führen kann, wenn Opfer von Missbrauch und Gewalt zum Schweigen gebracht werden.

Das Schweigen muss gebrochen werden – und ein Blog ist ein wunderbares Instrument dafür.

Neueste Artikel von Christoph Sigrist

Kommentieren