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Das städtische Glück der Menschenleere

Von Brigitte Federi 13. Februar 2015 2 Kommentare

Wahrscheinlich kennt Ihr die Situation: Ihr seid auf einer Wanderung in den Bergen, seit langer Zeit geht es steil bergauf, aber Ihr wisst, bald ist das Ziel erreicht. Nur noch ein letztes Stück, dann liegt die Hochebene mit dem kühlenden Bergsee vor Euch. Oben angekommen, folgt dann die grosse Enttäuschung, lautes Stimmgewirr empfängt Euch, am Wasser ist kein Platz mehr frei. Ihr seid nicht die Einzigen mit dieser Ausflugsidee gewesen. Berge und Menschenmassen, das passt nicht in unsere Vorstellung von Bergfolklorismus.

Genau das Gegenteil erlebe ich in Zürich, wenn ich mich an Orten aufhalte, die meistens stark bevölkert, nun aber quasi menschenleer sind. Das mag in den Ferien passieren, oder spätabends unter der Woche, beispielsweise auf dem Sechseläutenplatz oder an der Bahnhofstrasse. Vielleicht ist es die Freude darüber, diese prächtigen Orte für einmal für sich allein erleben zu dürfen? Eindrücklich war auch ein Spaziergang vor einigen Tagen durch die im Winter geöffnete Badi Mythenquai. Auf den grossen Liegewiesen standen einige Schneemänner, ansonsten waren keine Spuren von menschlichen Besuchern zu sehen. Das Seeufer war fest in der Hand von Kormoranen. Es herrschte eine einzigartige Stimmung, und sie war in keiner Weise vergleichbar mit der eines typischen Baditages im Sommer.

Ich hätte gerne einen Namen für das Gefühl, das sich in mir einstellt, wenn ich in der Stadt unverhofft auf diese Menschenleere treffe. Auf Deutsch scheint es dafür keinen Begriff zu geben. Dabei ist unsere Sprache bekannt dafür, dass sie Befindlichkeiten gut in Worte fassen kann: Zeitgeist, Torschlusspanik, Weltschmerz und Katzenjammer sind sogenannt unübersetzbare Wörter, für die es in anderen Sprachen keinen Ausdruck gibt.

Weil mich unübersetzbare Wörter schon lange faszinieren, habe ich mir vor einigen Jahren das Buch «They have a Word for It» von Howard Rheingold gekauft. Ich habe es heute hervorgeholt und nach einem Ausdruck gesucht, der dieses oder zumindest ein ähnliches Gefühl beschreibt. Fündig wurde ich leider nicht. Wer mir also ein Wort – aus irgendeiner Sprache – für mein «städtisches Glück der Menschenleere» findet, könnte mir eine grosse Freude bereiten.

2 Kommentare

  • eva

    platzfreude

  • Brigitte

    @eva: Platzfreude passt auf jeden Fall, ja! Danke!

    Ein weiterer schöner Vorschlag kam von Sabine Gysi via Twitter: Voluptas vacui.

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