Menu

Der King of Pop in der Bärengasse

Von Felix Ghezzi 31. März 2014 1 Kommentar

Ausstellung "Neverland Lost", Henry Leutwyler, Photobastei. Bildquelle: d.o.k. - ZerbiniDer Pop-Musik auszuweichen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst Menschen, die von ihr nicht viel halten, und für die die klassische Musik die einzig wahre Musik ist, wird sie beim Einkauf im Coop oder bei der Kleiderprobe im Jelmoli, beim NZZ-Lesen im Café als Hintergrundmusik oder in Filmen zur emotionalen Steigerung einer Szene aufgedrängt. Mich als bekennenden Fan umgibt die Pop-Musik zusätzlich so sehr, dass ich mir bisher nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht habe, was sie eigentlich ist und ausmacht.

Vor einigen Wochen ist nun Diedrich Diederichsens Buch «Über Pop-Musik» erschienen. Die Nominierung des Buches für den Preis der Leipziger Buchmesse als bestes Sachbuch sowie Rezensionen, die das Werk als Opus Magnum feiern, haben mich dazu bewogen, mich in die theoretischen Tiefen der Pop-Musik zu begeben. Ich bin bislang allerdings in der Einleitung steckengeblieben. Sagen wir es mal so: Pop-Musik zu hören ist oft um ein Vielfaches konsumfreundlicher.

Diederichsens Definition leuchtete mir aber trotzdem sofort ein: «Pop-Musik ist der Zusammenhang aus Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und an reale Personen geknüpfte Erzählungen… Der Gegenstand Pop-Musik lässt sich also nur unter Berücksichtigung von Musik diskutieren, aber er geht nicht in ihr auf.»

Der Grund, weshalb ich an dieser Stelle über Pop-Musik schreibe, ist nicht, dass ich dadurch einen Link auf einen früheren Blogeintrag machen kann, auf den ich besonders viele Rückmeldungen erhalten habe, und der also ein weiterer Beweis dafür ist, welchen Stellenwert diese Musik hat. Es ist vielmehr die Fotoausstellung «Neverland Lost – A Portrait of Michael Jackson» (bis 4. Mai 2014) des Schweizers Henry Leutwyler in der Photobastei in der Zürcher Bärengasse.

Zu meiner Verwunderung wird der «King of Pop» im Personenregister von Diederichsens Buch «Pop-Musik» gar nicht aufgeführt. Dabei ist doch Michael Jackson nicht nur durch seine Musik und insbesondere das noch heute meistverkaufte Album «Thriller» unsterblich geworden. Es sind auch seine Musikvideos, seine monumentalen Live-Performances, der von ihm erfundene Moonwalk, die Bleichung seiner Haut, seine kurze Ehe mit der Tochter von Elvis, die innigen Beziehungen zum Affen Bubbles, zu Kindern und Liz Taylor, seine Wohltätigkeitsengagements, die sagenumwobene Neverland-Ranch oder der tragische Tod vor fünf Jahren, die alle nicht nur zu Jacksons «HIStory», sondern auch zu seiner Pop-Musik gehören.

Michael Jackson selbst ist nur einmal in einer Fotografie der Ausstellung zu sehen. Er ist als König verkleidet und hält in seiner rechten Hand eine Krone. Dieses Porträt ist jedoch nur Teil der Fotografie. Daneben ist unter anderem ein kitschiger Kerzenständer zu sehen, der einst in Michael Jacksons Neverland-Ranch Teil einer inszenierten Märchenwelt war und zum Zeitpunkt der Fotografie für eine posthume Auktion bereitstand.

Auch die anderen Gegenstände auf den Fotos wurden nur wenige Tage bevor der Hammer aufschlug aufgenommen: Bis ins Detail sind auf riesigen Fotoabzügen Jacksons pailletten- und kristallbesetzten Hand-, Tanzschuhe und Socken zu bestaunen oder Ausschnitte von farbenprächtigen Uniformen, die man ohne Kontext einem durchgeknallten Diktator zuordnen könnte. Aber auch eine Kartonschachtel voll mit Spielfiguren aus «The Wizard of Oz» oder eine alte Buchausgabe von «Peter Pan».

Es ist erstaunlich, wie trotz der sehr nüchtern fotografierten Objekte sofort die unglaublichen und widersprüchlichen Erzählungen rund um den Künstler und all die Bilder aus seiner Karriere wieder vor dem inneren Auge aufblitzen und lebendig werden. Und ähnlich den Ohrwürmern Jacksons, die man beim Gang durch die anderen sechs Stockwerke der «Photobastei – Zurich`s Biggest Photography Art Walk» mit gefühlten tausend Fotografien von vielen mehr oder weniger interessanten Fotografen vor sich hersummt, bleiben die Bilder Leutwylers dank ihrer Schlichtheit im Gedächtnis hängen: Sie gehören nun auch zur Pop-Musik Michael Jacksons.

Schliesslich sei all denen, die sich nach dem Besuch der Photobastei eingehender mit «Bildern und ihrer Wirklichkeit» auseinandersetzen mögen, das sehr gut lesbare Buch «Der Schatten des Fotografen» von Helmut Lethen empfohlen. Es hat den anfangs erwähnten Leipziger Sachbuchpreis gewonnen; Diederichsens «Über Pop-Musik» wurde nicht in die Hall of Fame aufgenommen.

 

Bild: Ausstellung «Neverland Lost – A Portrait of Michael Jackson», Henry Leutwyler, Photobastei. Bildquelle: d.o.k. – Zerbini

1 Kommentar

Kommentieren