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Der Limmatlinie auf der Spur

Von Felix Ghezzi 22. Januar 2014 6 Kommentare

Um es gleich vorwegzunehmen: Meine Faszination für Panzersperren hat nichts mit dem Militär zu tun. Dass ich auf sie aufmerksam wurde, ist sozusagen ein Kollateralschaden einer sehr schönen Beziehung. Bei Reichenburg, das zwischen Ziegelbrücke und Pfäffikon SZ liegt, fahre ich jeweils mit dem Zug vorbei, wenn ich mein Patenkind in der Nähe von Sargans besuche. Dort tauchen jedes Mal rechts unterhalb des Bahndamms die Toblerone-Reihen auf, zuerst auf offenem Feld, dann übergehend in ein eingezäuntes Stück Land, in dem sich überraschenderweise mehrere Rehe und Hirsche tummeln.

Die schlichte Form der Höcker habe ich schon immer sehr ästhetisch gefunden, und so habe ich die Idee, die Panzersperre zu fotografieren, einige Jahre mit mir herumgetragen. Vor einem Monat stieg ich endlich in Reichenburg aus, und ich schoss ein paar hundert Fotos (einige davon zuunterst in diesem Artikel).

Einige Tage später erzählte ich an einer Geburtstagsparty von meinem Ausflug. Und so erfuhr ich, dass zwei Wochen zuvor in der Radiosendung «Echo der Zeit» darüber berichtet worden war, dass das VBS die Sperren aus dem Zweiten Weltkrieg zum Verkauf freigegeben und Pro Natura in Stadel bei Niederglatt eineinhalb Kilometer davon gekauft hätte. Dort haben sich dank der landwirtschaftlichen Unberührtheit seltene Pflanzen- und Tierarten niedergelassen.

Ich entschied mich, ausgerüstet mit der Kamera nach Stadel zu fahren. Wie bereits beim ersten Ausflug wurde daraus eine erholsame, mehrstündige Wanderung durch eine sehr landwirtschaftlich geprägte Gegend. Ausser ein paar «Hündelern» traf ich niemanden an.

Nun war mir klar, dass das Aufsuchen der Hindernisse eine hervorragende Gelegenheit ist, endlich meine schlechte Stadt-Land-Balance zu verbessern und bei der Auswahl von 250 bis 300 Sperren in der Schweiz an viele Orte zu kommen, von denen ich noch nie gehört habe. Daraufhin besuchte ich das Unterreppischtal und machte einen Spaziergang nach Uitikon-Waldegg.

Dass ich dabei bereits wieder so nahe bei der Stadt Zürich gelandet bin, hat damit zu tun, dass ich bei meiner Recherche schnell herausgefunden habe, dass es die «Limmatlinie» (auch Limmatstellung genannt) gab, die sich von Sargans über Linth, Zürichsee, Limmat, Hauenstein bis zum Gempenplateau im Kanton Solothurn erstreckte. Sie war nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern auch während des Kalten Kriegs eine militärische Verteidigungslinie der Schweizer Armee und hätte das Schweizer Mittelland vor Angriffen aus dem Norden schützen müssen.

Die Stadt Zürich sollte nicht ohne Gegenwehr dem Feind überlassen werden. Und so wurde unter anderem der Uetliberg zur militärische Sperrzone erklärt, auf dem bis Mitte 1940 über 100 beschusssichere und selbst für hohe Offiziere geheime Unterstände und Kavernen erstellt wurden. Wer im Sommer im Unteren Letten Abkühlung sucht, dem ist zudem vielleicht auf der anderen Seite der Limmat der betonierte Maschinengewehrstand am Fuss des Wipkingerviadukts aufgefallen. Es ist der einzig erhaltene Bunker der Sperrstelle Stadt Zürich.

Von Zürich aus werde ich in den nächsten Wochen militärische Hindernisse und unbekannte Landschaften erwandern. Ich hoffe, es reicht auch für einen Abstecher nach Gstaad. Dort errichtet in diesen Tagen der Schweizer Künstler Olivier Mosset auf dem Diablerets-Gletscher an der Alpenbiennale «Elavation 1049» (27.1. bis 8.3.2014) eine Eisskulptur in Form von Panzersperren. Sind die richtigen Toblerones für Tiere und Pflanzen geschützte Lebenszonen geworden und für mich Erholungsgebiet und Fotoobjekt, so ist die künstlerische Bearbeitung Mossets sozusagen ein Echo auf eine grausame und frostige Zeit.

 

 

 

 

 

Bilder: © Felix Ghezzi

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6 Kommentare

  • florina

    Schöne Idee, schöne Fotos, schöner Text!

    • Felix Ghezzi

      Danke vielmals! 🙂

  • Martin Otzenberger

    Jetzt müsste man noch die Geschichte der Sperren und die menschlichen Schicksale dahinter zusammentragen und schon hätte man ein schönes Buch 🙂

    • Felix Ghezzi

      Und würdest du das Buch auch kaufen und lesen?

  • Matthias Oeschger

    Über die Verteidigungs- und Sperrbauten der Limmatstellung in der Stadt Zürich habe ich eben einen interessanten Wanderführer gefunden. Wurde auch im Tagesanzeiger bereits vorgestellt. Gibt es gratis unter http://www.limmatstellung.ch

    • Felix Ghezzi

      Vielen Dank für den Tipp! Ich habe davon auch im Tagi gelesen, bin aber noch nicht dazu gekommen, mir den Wanderführer genauer anzuschauen. Aber der Planim Führer mit den eingezeichneten Standorten ist natürlich super. Ich war wegen Panzersperren mit dem Fotoapparat schon an fünf weiteren Orten und musste jeweils aufwändig mit Hinweisen aus dem Web und Google-Earth herausfinden, wo sich die Sperren wirklich befinden.

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