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Der «Schandstein» lebt weiter

Von Christoph Sigrist 14. November 2013 Keine Kommentare

Neben der Arbeit im Grossmünster bin ich noch Lehrer an der theologischen Fakultät der Universität Bern. Ich unterrichte angehende Pfarrerinnen und Pfarrer im Bereich von kirchlicher sozialer Arbeit. In diesem Zusammenhang halte ich Referate in verschiedenen Fakultäten und Akademien in Europa.

In der vergangenen Woche war ich deshalb in Sibiu, Rumänien, auch Hermannstadt genannt. Eine wunderschöne Stadt in Siebenbürgen, wo Deutschsprachige, meist Nachkommen von im 18. Jhdt. eingewanderten Sachsen, sich seit Jahrhunderten in evangelischen Kirchgemeinden zu Gottesdiensten und diakonischen Projekten treffen. Nach der Wende zu Beginn der 90er-Jahre gab es einen unheimlichen Aderlass von Kirchenmitgliedern. Durch die Öffnung nach der Ceaucescu-Diktatur zog eine ganze Generation junger Erwachsener nach Deutschland, Österreich oder in die USA.

Im Vorort Neppendorf, wo die evangelische Akademie liegt, verlor die Kirchgemeinde innerhalb des Jahres 1990 – dem Jahr des Aufbruchs in den Westen – 1800 Mitglieder und zeigt sich heute als kleine Gemeinschaft von ca. 170 Mitgliedern.

Die Eichentür der in Kreuzform gebauten Kirche aus dem 18. Jhdt. steht offen, ein Gitter verschliesst den Zugang. Ich öffne die Schlösser. «Soll ich Ihnen kurz etwas in der Kirche zeigen?» Auf mich kommt die Frau des Ortspfarrers zu. Mit ihr zusammen entdecke ich die Spuren der Geschichte des museal anmutenden Kirchenraumes. Spuren von den ca. 800 evangelischen Deportierten, den sogenannten «Landlern» aus der Region Salzkammergut, die gegen Ende des 18. Jhdt. neue Perspektiven in Siebenbürgen suchten.

Die Pfarrfrau, zugleich Dozentin für Germanistik an der Universität, führt mich in einen Nebenraum des eben erst eröffneten Museums, in dem Objekte, Fotos, Hefte, Bücher, Trachten, Dokumente von jenen ausgestellt sind, die 1990 beim Aufbruch in den Westen alles verbrennen wollten – der Pfarrer konnte sie jedoch davon abhalten. Die Geschichte dieser Kirche und das Schicksal mir unbekannter Menschen tun sich mir auf.

«Da, das wollte ich Ihnen zeigen.» Die engagierte Frau führt mich in eine Ecke. Auf dem Boden liegt ein Stein. Er ist gemeisselt als Flasche, ca. 40 cm hoch, am Hals sind verrostete Ketten angemacht. «Dieser Stein lag bei den sonntäglichen Gottesdiensten jeweils vor dem Hauptportal unserer Kirche.» Damals wurden jene unverheirateten Frauen an den Stein gekettet, die schwanger waren und es nicht mehr verbergen konnten. So mussten die betroffenen jungen Frauen den Gottesdienststrom an sich vorbeigehen lassen. Natürlich waren alle in der Sonntagstracht – und die angeketteten Frauen mussten Beschimpfungen übelster Art über sich ergehen lassen. «Wir haben noch solch unglaubliche Zeugnisse in Dokumentenfestgehalten.» Sie schüttelt den Kopf.

Meine Augen bleiben an dieser aus Stein gemeisselten Flasche hängen. Meine Hände tasten behutsam über die rostigen Eisenglieder; ein Schild ist an der Wand angefügt: «Schandstein» steht da. Und meine Gedanken nehmen diesen Stein mit und setzten ihn in meinen Kontext von Sozialgeschichte und aktueller Debatte. Wo wurden in Zürich vor 200 Jahren Menschen an den Pranger gestellt, den hämischen Blicken ausgeliefert, bespuckt und beschimpft? Wo werden heute solche «Schandsteine» hingestellt?

Auch unsere Gesellschaft kettet Frauen und Männer wegen ihres Lebenswandels noch an den Schandstein moralischer Vorstellungen. Natürlich sind diese Steine nicht mehr aus Stein gemeisselt, doch in Stein gemeisselt sind nach wie vor verletzende Verurteilungen von Menschen. Wann hört dies endlich auf? Ins Museum gehören solche «Schandsteine»!

Mit Scham und Ärger zugleich verlasse ich den Kirchenraum. Beim Schliessen der Gitter noch ein Gedankenblitz. Der Stein war vor der Kirchentür. Vor und in Kirchen – Menschen, an den Pranger gestellt? An den Schandstein gekettet? Doch, ich höre meinen Kollegen im Chor des Grossmünsters klagen: Er habe jetzt schon 30 Bewerbungen geschrieben, und vielfach käme er in die letzte Runde, wo Fragen zu den persönlichen Umständen gestellt würden. Und dann höre er nichts mehr oder bekäme eine Absage. Das ist tief verletzend.

Mein Kollege, er hat sich vor Jahren geoutet, ist schwul.

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