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Der Schleier muss weg!

Von Silvan Gisler 30. April 2015 2 Kommentare

Nicht die Burka ist das Problem, sondern unsere eigene Sichtweise auf die Welt, in der wir leben. Es ist eine kulturalistische und elitäre Sichtweise, in der wir verkennen, dass sich die postmigrantische Schweiz schon längst nicht mehr auf eine einzelne Identität festlegen lässt – geschweige denn die Menschen, die darin leben. Der identitäre Schleier gehört endlich abgelegt.

Meine Schweiz ist nicht deine Schweiz, mein Zürich nicht dein Zürich, meine Herkunft nicht die deine. Kein Problem, oder? Offenbar schon. Denn die Deutungsmacht, wer du bist, was deine Identität ist und wie sich die Stadt, das Land und der Kontinent definieren, wo du lebst, liegt nicht bei dir. Die Etikettierer vom Dienst beherrschen die Strassen und pappen mit ihren Etikettierpistolen munter Bezeichnungen auf die Menschen – «Migrant», «Secondo», «Tamile», «Deutscher», «Thurgauer», «integriert», «halb-integriert». Etikettieren, damit auch alle wissen, was drinsteckt.

«Wer bin ich?» bleibt die grosse philosophische Frage in unseren Köpfen – aber wer du bist, das wissen die kleinen Etikettierer, die sich inzwischen nicht nur auf den Strassen draussen sondern auch in unseren Köpfen eingenistet haben, ganz genau.

Die kleinen Etikettierter in uns zeigen: Migration und deren Auswirkungen sind nicht nur einer der effektivsten Gradmesser für liberale Reflexe oder deren Abwesenheit, sondern auch für die Flexibiliät unseres Denkens, mit der es auf eine sich verändernde Umwelt reagiert.

Darum beschäftigte sich der Karl der Grosse letzte Woche mit der Migration, Post-Migration, mit Migrationshintergründen und -Vordergründen. Am Stammtisch von Karl der Grosse diskutierten Wissenhistoriker Kijan Espahangizi, Wortkünstlerin Fatima Moumouni, joiz-Moderatorin Gülsha Adilji und Soziologe Rohit Jain mit allen Interessierten über eine postmigrantische Gesellschaft und den alltäglichen Umgang damit.

Die Diskussion zeigte: Die Schweiz ist schon längst geprägt durch unterschiedlichste Menschen unterschiedlichster Herkunft. Und gleichzeitig ist diese Realität in den Köpfen vieler noch nicht angekommen. Wir unterscheiden zwischen In-und Ausländern, zwischen «Menschen mit Migrationshintergrund» und den anderen. Integriert ist, wer wie ein Schweizer wirkt. Wodurch zum einen auch die Frage, was ein Schweizer ist, beantwortet wird (nämlich: nicht «das andere»), und zum anderen entlarvt wird, wie viele dieses Land sehen (nämlich: statisch).

Integrieren kann man sich nur in einer festgefügten Welt. Und da sich die unsere stetig verändert, ist dieses Konzept überholt. Könnte man meinen. Aber da sind ja noch die Etikettierer, in uns drin und da draussen. Da draussen sind die, die uns Identitäten überstülpen wollen. Wenn es um Europa geht, geht es um die «unabhängige Schweiz». Wenn es um Migration geht, geht es um die «europäische Identität»; wenn es um die Burka geht, geht es um die «christlichen Werte dieser Gesellschaft.»

Es sind Identitäten, die stetig wiederholt werden, um sie Wirklichkeit werden zu lassen, die stetig hinzugezogen werden, um die Komplexität auf ein einfaches Weltbild herunterzubrechen, die hinzugezogen werden, um eine Repräsentationsmacht zu definieren.

Nur so ist erklärbar, dass hanebüchene Vorschläge wie das Burka-Verbot in der Staatspolitischen Kommission des Nationalrats eine Mehrheit finden. Oder dass der scheinbar liberale NZZ-Chefredaktor in einem Leitartikel zur Mittelmeer-Katastrophe schreiben kann: «Zwischen dem Anspruch auf Humanität und der Notwendigkeit, die europäische Identität zu bewahren, herrscht ein unlösbarer Zielkonflikt.»

Das ist identitär. Das ist einfach. Und daran ist so vieles falsch, dass es entlarvend ist. Wir müssen keine Identitäten bewahren. Sondern erstens erkennen, dass die Gesellschaft schon lange durch Migration geprägt ist. Und zweitens diesem Umstand Rechnung tragen – in Repräsentationsfragen, in Bürgerrechtsfragen, in «Integrations»-Fragen, in so vielen Bereichen von Gesellschaft und Politik.

2 Kommentare

  • Andreas Marti

    Das mit der Identität macht ihr euch vielleicht doch zu einfach. Manche der „importierten“ Teil-Identitäten verkörpern geschlossene, hierarchische Gesellschaftssysteme und verstärken im Grunde genommen gerade diejenigen Kreise bei uns, die selber noch nicht in der Offenen Gesellschaft angekommen sind. Das Konzept der Offenen Gesellschaft muss nach allen Richtungen verteidigt werden, auch gegen vormoderne Immigranten.

  • Silvan

    Lieber Andreas. Danke für deine Rückmeldung. Ich sehe einen Widerspruch zwischen der „offenenen Gesellschaft“, von der du sprichst und der Notwendigkeit, diese gegenüber anderen Identiäten verteidigen zu müssen.
    Eine offene Geselleschaft zeichnet sich dadurch auch, dass sie mehrere Identitäten hat, und keine verteidigen oder bewahren muss. Zudem:
    Ich muss mich nicht gegen „vormoderne Immigranten“ wehren sondern ich gegenüber kann gegen vormodernes Gedankengut anschreiben – ob nun importiert oder hausgemacht. Dass bedeutet aber nicht, dass ich der Person das Recht absprechen kann, solches zu vertreten.

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