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Der Traum vom Fliegen

Von Felix Ghezzi 2. Februar 2015 2 Kommentare

Gustav Mesmer, Foto: Stefan Hartmaier. Musée VisionnaireWährend Städtetrips gehe ich gern in Kunstmuseen. Seit zwei, drei Jahren fällt mir allerdings öfter störend auf, dass ich dabei Werken von immer den gleichen Künstlern begegne. Die Blockbuster-Ausstellungen versuchen sowieso mit den grössten Namen wie Munch, Picasso, van Gogh oder Gerhard Richter Zuschauerrekorde zu generieren. In den Museumssammlungen sieht es aber meist auch nicht viel anders aus: Rembrandt, Cézanne, Monet, Manet, Bacon, Koons, Hirst etc. hängen an den Wänden in Zürich, Bern, Basel, Köln, Paris, London, Lissabon und wo auch immer Sie hingehen.

Und ich gebe es offen zu: Es machte mir lange Spass (und ich ertappe mich auch jetzt immer noch dabei), zu meiner Begleitung zu sagen: «Ist das nicht von Fischli/Weiss?», «Ach, das ist bestimmt von David Hockney», «Das muss von Jeff Wall sein», «Das ist ein Twombly». Es gibt dafür, dass überall die gleichen Namen hängen, natürlich gute Gründe: unter anderem die Qualität der Werke. Aber es beginnt, mich zu langweilen.

Das ist ein guter Grund, den Horizont zu öffnen, öfter in Galerien reinzuschauen oder kleinere, unbekanntere Museen zu besuchen. Wie zum Beispiel das Musée Visionnaire am Predigerplatz in Zürich. Auch es könnte für eine seiner aktuellen Ausstellungen, «iMachination», mit einem der unverkennbaren Werke von Jean Tinguely und dessen Namen werben. Doch das würde den Kern der Museumsidee nicht treffen. Das Musée Visionnaire zeigt Art Brut, Outsider Art, Naive Kunst, Visionary Art. Es gibt verschiedene Definitionen dieser Bezeichnungen. Das wichtigste Verbindungsglied der nicht deckungsgleichen Begriffe scheint mir, dass sich die Künstler nicht um die Einflüsse des Kunstbetriebs und der Kunstgeschichte kümmern. Tinguely ist im Hinblick auf andere Nebenaspekte der Definition in der Ausstellung zu sehen.

Der Gang durch das kleine Museum war für mich ein Eintauchen in meine Kindheit. Die Faszination des Fliegens, von Maschinen, die rasseln und knarren, die Welt von Lego Technic anno 1980, als der Lego-Traktor noch nicht wie das perfekte Ebenbild eines Traktors aussah, weil die Lego-Teilchenvielfalt noch eingeschränkt war. Es ist die Welt der Fantasie und der Träume und der «nutzlosen» Spielereien, Spinnereien und Basteleien.

Wäre der Aussenseiter Gustav Mesmer (1903–1994) zum Beispiel ein Jeff Koons gewesen, so hätte er vielleicht mit den besten Ingenieuren und mit den neusten Materialien ein perfektes Flugobjekt hergestellt, das poliert in den grossen Hallen der Kunst ausgestellt, bestaunt und wissenschaftlich diskutiert würde. Mesmer hingegen träumte 35 Jahre lang davon, aus den Psychiatrien zu entkommen, in die man ihn gesteckt hatte. Seine Flugversuche bestätigten leider viele Menschen darin, dass er sich am richtigen Ort befand. Wer mit einem Fahrrad und einer zusammengenagelten und -geklebten Vorrichtung aus Holz und Plastikfolie die Schwerkraft überwinden und vom hessischen Lautertal in die Ferne fliehen will, kann nur entweder ein Kind («Wie fantasievoll der Bub ist!») oder ein Verrückter («Klapsmühle einfach!») sein.

Indem das Musée Visionnaire Skizzen und einen kurzen Film über Gustav Mesmer ausstellt, behauptet es, dass er ein Künstler gewesen sei. Trotz der Bezauberung, die die Hingabe und Besessenheit von seiner Idee bei mir ausgelöst hat, sowie der Liebenswürdigkeit, die er beim Erklären seiner Flugmaschine ausstrahlt, frage ich mich: War er tatsächlich ein Künstler? Sind das Kunstwerke, die ich betrachtete?

Sie sehen, ich bin schon lange wieder draussen aus der Vergangenheit meiner Kindheit und zurück in der Lebenswelt, die nach Schubladen, Einordnungen, Richtlinien, Klarheit, Rationalität, Machbarkeit, Nützlichkeit sucht – und danach bewertet.
 
 
Bild: Gustav Mesmer auf seiner Flugmaschine. © Stefan Hartmaier

2 Kommentare

  • Alper

    Hallo Felix, ein sehr spannendes Thema und einmal mehr spannend berichtet. War leider nicht im Museum, aber der erste Gedanke beim Lesen war „Die Physiker“ von Dürrenmatt. Und dann dachte ich, nein, doch nicht. Gustav Mesmer mag jahrelang den Psychiatrien entkommen gewollt haben. Auch geflogen ist er nicht. Aber er hat es so viele Jahre später nach seinem Tod in ein kleines Museum geschafft, sogar mehr als das, er hat es geschafft, dass ein Mann in das Museum kommt und dann in einem Blog über ihn schreibt. Das muss zuerst einmal einer nachmachen. Beides meine ich.

  • Jens Oldenburg

    Es geht mir ganz genau so.
    Die Blockbuster Ausstellungen langweilen mich.
    Mir drängt sich dabei der Gedanke auf, dass die KuratorenInnen, GaleristenInnen und teilweise auch die KünstlerInnen kein Risiko mehr eingehen. Alles nach dem Motto:“ Nur nichts riskieren und immer an den Ertrag denken.“
    Schade eigentlich.

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