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Der Wind weht, wo er will

In Zürich ist alles geordnet und geputzt, jedes Ding hat seinen Platz und alles hat seine Richtigkeit. So weit so gut. Zürich ist nicht Napoli und Zürich ist nicht Paris. Manch ein Gemeinderat und Stadtrat hebt diese saubere Seite unserer Stadt hervor und bezeichnet sie als typisch «zwinglianisch». Ja, sie beschwören den Geist unseres Reformators Huldrych Zwingli und meinen, damit unserer Stadt gerecht zu werden: Zürich ist puritanisch, Zürich ist nüchtern, Zürich hat keinen Humor und Zürich ist bescheiden, Zürich ist fleissig und Zürich ist gebildet.

So weit, so gut. Das stimmt ja alles auch, das muss ich als waschechter «Züribueb» ja wissen.

Alles wäre in bester Ordnung, wenn nicht gerade dieser als puritanisch bekannte Reformator Zürichs, Huldrych Zwingli, alles andere als «typisch zwinglianisch» puritanisch gewesen wäre. Er spielte mehr als 10 Musikinstrumente und sass beim Tisch seines Freundes Christoffel Froschauer an der Froschaugasse, um in der Fastenzeit mit Genuss seinen Kollegen zuzuschauen, wie sie Wurst assen. Und begeistert predigte er seinem Mitstreiter Martin Luther immer wieder: «Der Wind weht, wo er will.» (Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 8).

Wer nun meint, dies alles sei vergangen und es lohne sich nicht, darüber zu bloggen, der täuscht sich. Folgendes habe ich jüngst im Auffahrtsgottesdienst im Grossmünster erlebt: Nach der Predigt, bei der ich dazu ermutigte, sich «uf und dervo» zu machen, nicht zurückzublicken, auch nicht in den Himmel, sondern nach vorne, stieg ich von der Kanzel hinunter. Ich setzte mich ins Seitenschiff und wollte der grossartigen Musik unseres Organisten Andreas Jost zuhören.

Da erhob sich ein jüngerer Mann aus der Kirchenbank und setzte sich neben mich: «Ich bin völlig begeistert von dem, was Sie predigten. Wissen Sie, ich bin zwar SVP-Gemeinderat, doch genau da haben Sie Recht. Ich bin heute nur da, weil ein Freund von mir im Chor singt, und dieser Freund arbeitet übrigens bei einem Türken, wo ich immer einen Kebab esse, das beste Essen.»

Und es sprudelte aus ihm heraus, all seine Eindrücke. Er erzählte von seiner Arbeit, seinem Politikerdasein, sodass ich es vollends aufgab, der Musik zu lauschen. Und unter dem Klang der Orgel entwickelte sich ein Gespräch zwischen dem Pfarrer und dem SVP-Politiker über Flüchtlingshilfe und das Verhalten von uns gegenüber Fremden.

Die Kollekte des Auffahrtsgottesdienstes war für das Solidaritätsnetz Zürich bestimmt, desssen Mitarbeitende durch Mittagstische, Deutschkurse, Besuche und Rechtsunterstützungen bei Härtefällen grossartige Arbeit leisten. 3000 Franken kamen zusammen, und mein Gemeinderat freute sich und war begeistert vom Grossmünster.

Das war für mich eine eindrückliche Erfahrung, dass der Wind weht, wo er will, auch im Kirchenraum. Aus drei Gründen:

Erstens: Im Kirchenraum treffen sich Menschen unterschiedlichster politischer Überzeugungen angesichts der Schicksale der in Not geratenen Menschen in der gleichen Grundhaltung – nämlich zu helfen, weil es selbstverständlich ist.

Zweitens bewirkt der Geist im Kirchenraum, dass liturgisch festgeschriebene Ordnungen über den Haufen geworfen werden können und sich spontan Gespräche über Gott und die Welt einstellen.

Und drittens wirkt dieser Geist über die Kirchenmauern hinaus in den Alltag – das Gespräch haben wir im Altstadtcafé weitergeführt und ich bin überzeugt, der Kontakt hält an.

Kirchenräume in der Stadt sind Heterotopien. Anders gestimmte Orte, wo die Utopie lokalisierbar wird, dass auch das noch so puritanische und als zwinglianisch verschriene Zürich bisweilen tüchtig durcheinandergewirbelt werden kann. Ich plädiere für «Durchzug» in Kirchen und in der Stadt, denn der Wind weht, wo er will – auch in unserer schönen Stadt.

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