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Der Zürcher HB zwischen Hektik und Stille

Von Christoph Sigrist 1. November 2013 1 Kommentar

Ich gehöre zur arbeitenden Bevölkerung, die jeden Tag zwischen Wohn- und Arbeitsort pendelt. Circa 350‘000 Personen, so schätzt die SBB, gehen täglich im Hauptbahnhof ein und aus – das entspricht der Bevölkerung von Zürich. Man steigt am Morgen aus, rennt durch die Menschenmenge zum Tram, man steigt am Abend ein, rennt durch die Menschenmenge. Es ist, als würde die Stadt ein- und ausatmen, ein Kommen und ein Gehen.

Ausnahmeweise stieg ich vor kurzem mitten am Tag aus, da ich im Glarnerland ein Referat gehalten hatte. Ich stieg aus dem Zug und stellte überrascht fest, dass da kein Menschenstrom, kein Gerempel, kein ausgeschütteter Starbucks-Becher auf meinem Jackett ist, einfach nichts – nur leerer Raum.

Erstaunt verlangsamte sich mein Schritt, mein Blick wurde von einer unerklärbaren Kraft vom Boden, wo er den Weg zwischen den Schuhen bahnte, in den Himmel gezogen. Ich sah den Engel von Niki de Saint Phalle: Diese Rundungen, dieses Geblinke, diese Farben – und dieser Staub. Schon eigenartig, wie ich jeden Tag unter dem Engel vorbeihusche und nie wahrnehme, dass er dick und fett über mir hängt und mich mit seiner fliegenden Haltung doch filigran begleitet.

Den Blick nach oben zum Engel schritt ich voran und entdeckte den für mich schönsten Ort neben dem Grossmünster Die Bahnhofshalle lag mir zu Füssen: kein Mensch, kein Verkaufsstand, keine Abtrennbänder, kein Beachvolleyball, kein Bierzelt, einfach ein leerer Raum mitten in der Stadt.

Ich blieb stehen – leerer Raum lädt zum Verweilen ein. In mir begann es zu reden. Dialog im Bahnhof, aus der Leere gewonnen, in der klingenden Stille hörbar, ausserhalb von Zeit und Hetze. Was ich rede und denke in der Bahnhofshalle, das ist «Bahnhof» für den, der durch den Raum rennt zum nächsten Termin. Dieser Dialog entsteht nur aus der Leere – mir war, wie wenn die Unendlichkeit dieses Ortes mich umhüllte als Klangraum mir zugefallener Gedanken.

Ich erwachte aus dem Tagtraum und tauchte aus der Unendlichkeit auf. Ich schaute auf die Uhr – die Halle füllte sich nullkommaplötzlich mit Terminen noch und nöcher. Mein Blick noch auf der Uhr, begannen meine Füsse sich immer schneller zu bewegen. Ich sah nichts mehr ausser meiner Verspätung – und rannte fast jene Frau um, die plötzlich vor mir auftauchte. Nur eine Frau in der grossen Halle, sie stand dort wie ein Fels im Rheinfall der Hektik, liess sich nicht stören beim Tippen einer Nachricht in ihr Handy, hinter ihr der Engel, vor ihr die Leere – und seelenruhig, ohne aufzublicken, machte sie einen Schritt zur Seite. «S‘nächste Mal passed Sie uf.» «Klar doch, tschuldigung.»

Beim Rennen aufs Tram kam mir in den Sinn, dass ich sie auch schon im Grossmünster gesehen habe. Oh, ist ja klar, auch das Grossmünster ist ein leerer Raum, gefüllt mit klingender Stille, mit tiefgehendem Dialog, mit staunendem Blick nach oben.

Solche Räume sind Oasen für die Seele der Stadt, die müssen wir leerhalten und nicht verstellen. Denn in ihnen weht etwas von Unendlichkeit. Und im unendlich leeren Raum kann ich mich ins Gespräch vertiefen, und lasse mich nicht stören, sogar auch dann, wenn ich nur «Bahnhof» verstehe oder ein Pfarrer mich fast über den Haufen rennt.

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