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Die Aussagekraft des Fleisches

Von Felix Ghezzi 28. Oktober 2014 2 Kommentare

In meinem letzten Blogeintrag habe ich anhand der Ausstellung «Gastspiel» im Museum Rietberg eine Parodie auf konservative Museumsbesucher geschrieben und bereits auf die aktuelle Kunsthaus-Ausstellung «Egon Schiele – Jenny Saville» verwiesen. Die Befürchtung, dass vor allem die Bilder Savilles wiederum das ästhetische Gefühl von Liebhabern moderner Kunst kränken könnte, hat sich nicht so deutlich bestätigt wie bei den zeitgenössischen Werken auf dem grünen Hügel auf der anderen Seite des Sees. Kunsthaus-Ausstellung «Egon Schiele – Jenny Saville». Foto: Felix Ghezzi

Obwohl Audioguides bei vielen Kunstexperten verpönt sind, verschaffe ich mir beim Gang durch eine Ausstellung gerne einen ersten Überblick mit parallel laufenden Hintergrundinformationen und Interpretationen. Bereits nach wenigen Schritten durch die Doppelausstellung musste ich aber feststellen, dass das Gerät nicht funktionierte. Als ich mit einem neuen Gerät erneut in die Ausstellung trat, kam ich kurz ins Gespräch mit dem Ticketkontrolleur und erfuhr, dass er zuerst gedacht hätte, die Bilder würden nicht meinem Geschmack entsprechen und ich hätte deshalb bereits wieder die Ausstellung verlassen. Da konnte ich es mir nicht verkneifen nachzufragen. Er versicherte mir jedoch, dass es nicht so schlimm sei wie in der letzten Ausstellung mit den Fotografien von Cindy Sherman.

Das liegt bestimmt auch daran, dass Kunsthaus-Besucher bereits eine klare Vorstellung davon haben, was auf sie zukommt, wenn sie sich auf Egon Schieles Werke einlassen. Zu dieser Vorstellung gehört unter anderem auch der nackte Körper. Und zwar nicht der Körper, wie er in seiner perfekten Form in Modemagazinen und in der Werbung zelebriert und idealisiert wird, sondern in einer ungeschönten, ungeschminkten Form. Dass Oliver Wick, der Kurator der Ausstellung, schliesslich entschieden hat, Egon Schiele (1890–1918) Werke der zeitgenössischen Jenny Saville (geb. 1970) zur Seite zu stellen und nicht solche von Lucien Freud (1922–2011), ist sehr erfreulich. So kann man Aktdarstellungen aus der Perspektiven beider Geschlechter betrachten.

Der weibliche Akt als klassisches Sujet der Kunstgeschichte war bis Anfang des 20. Jahrhunderts den Männern vorbehalten. Von dem auch für Saville einflussreichen abstrakt-expressionistischen Maler Willem de Kooning (1904–1997) ist der Satz «Flesh was the reason oil paint was invented.» überliefert. Selbstverständlich ist dabei das weibliche Fleisch gemeint. Ein anderes malendes Genie, ebenfalls als Macho bekannt, Pablo Picasso, soll gesagt haben: «Frauen sind entweder Göttinnen oder Fussabtreter.»

Als Göttinnen können die von Jenny Saville porträtierten Frauen wahrlich nicht bezeichnet werden. Saville interessiert sich für Menschen am Rand der Gesellschaft und insbesondere für fettleibige Personen, die sie in riesige Formate geradezu hineinzwängt und damit die körperliche Fülle noch unterstreicht.

So liegen zum Beispiel bei «Fulcrum» (dt. «Stützpunkt», 261.6 x 487.7 cm) drei nackte Frauen ineinander verzahnt und mit einem Seil miteinander verbunden aufeinander. Die Körper gehen ineinander über, das leuchtend gelb-weisse Fleisch der grossen Bäuche wird zu den Extremitäten und dem Kopf hin immer dunkler, braun-rot-blau. Wären da nicht die hinter dem Kopf verschränkten Hände und der Blick der Frau auf der rechten Seite, könnte man sich fragen, ob die Leiber auf einem Leichentisch liegen. Dies im Wissen, dass die Künstlerin vor allem am Anfang ihrer Karriere intensiv medizinische Bücher studierte und bei plastisch-chirurgischen Operationen zuschaute, um den weiblichen Körper besser zu erfassen und malen zu können.

Jenny Saville wurde wie Damian Hirst, Tracey Emin oder Sarah Lucas durch die Ausstellung «Sensation» in London (1997) berühmt. Liest man über sie, hat man jedoch – obwohl die Bilder inhaltlich genug Stoff dafür liefern – nicht den Eindruck, dass es ihr, wie den anderen genannten Künstlern, um Skandale geht. In Anlehnung an das Zitat von de Kooning sagt sie «If you work in oil, as I do, it comes naturally. Flesh is just the most beautiful thing to paint.» Wer vor ihren Werken steht – und man muss vor ihren Werken stehen, da dies selbst im übergrossen Katalog zur Ausstellung nur annähernd erlebbar ist –, der spürt die Faszination, die für die Künstlerin von der menschlichen Haut ausgeht. Ich zumindest war überwältigt davon, welche Kraft und Intensität Malerei haben kann.

Besonders beindruckt haben mich wegen ihrer Strichführung, Präzision, Schlichtheit und Grösse jedoch die zwei Kohlezeichnungen (Nr. I und III der «Reproduction Drawings» ), die in Auseinandersetzung mit Leonardo da Vincis «The Virgin and Child with St Anne and St John the Baptist» entstanden sind. Es sind überdimensionale Selbstporträts der schwangeren Künstlerin, die auf einem Stuhl sitzt und ihren Sohn im Arm hält. Dabei zeichnete sie sich und das Kind in ein und demselben Bild mehrere Male, so dass auch hier die Körper ineinander greifen. Dadurch kommt sowohl eine zeitliche Dimension in das Werk als auch eine emotionale Bandbreite: Die Freuden und die Mühsal einer Mutter und eines Kindes.

Einer Journalistin vertraute Saville an, dass sie bei ihrer ersten Schwangerschaft vor allem von Männern davor gewarnt wurde, dass sich nun alles in ihrem Leben ändern würde und sie weniger zum Malen käme. Es sei im Gegenteil die kreativste Zeit gewesen, entgegnet sie. Zudem war die Erfahrung auch in einer ganz anderer Sicht prägend: «When I was pregnant, I kept thinking: ‹Picasso didn`t know what this felt like.›»

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