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Die Bahnhofstrasse als Grüeziweg?

Von Brigitte Federi 16. Oktober 2013 3 Kommentare

Zum ersten Mal erwachsen fühlte ich mich, als ich von einer Frau auf der Strasse mit «Grüezi» anstatt des üblichen «Hoi» gegrüsst wurde. Ich war damals etwa 12 Jahre alt und alleine unterwegs zu einem Schuhgeschäft, um mir dort Winterstiefel zu kaufen. Dieser Kauf mag zu meinem Erwachsenengefühl beigetragen haben, das erste an mich gerichtete «Grüezi» wäre mir aber auch sonst in Erinnerung geblieben. (Ebenfalls in Erinnerung geblieben ist mir, wie ich von einer Verkäuferin im H&M zum ersten Mal gesiezt wurde. Und wie alt ich mich danach fühlte.)

Über das Grüssen begann ich nachzudenken, nachdem ich Florina Schwanders Hommage an die Zürcher Freundlichkeit gelesen hatte. Sich auf der Strasse zu grüssen ist in der Schweiz ein Zeichen von Freundlichkeit, und dass wir Stadtzürcher das nicht tun, gehört zum Bild, das der Rest der Schweiz von uns pflegt.

Es geschieht ja auch selten, dass einen hier fremde Menschen auf der Strasse grüssen. Am ehesten passiert es noch im eigenen Quartier, im viel frequentierten Zentrum so gut wie nie. Kürzlich hat mich mitten in der Stadt eine Frau schon von Weitem angelacht, und als sie vor mir stand, fragte ich sie, woher wir uns denn kennen würden. Wir kennen uns nicht, sagte sie, aber ich lache einfach gerne fremde Menschen an. Ich fühlte mich überrumpelt, irritiert und leicht beschämt zugleich.

Ich bin nämlich keine Nichtgrüsserin. Ich grüsse, wenn mir jemand ins Gesicht blickt, stets mit einem Lächeln (macht grüssen sonst Sinn?), bin aber keineswegs beleidigt, wenn jemand ohne Augenkontakt an mir vorbeizieht. Es gibt genügend Morgen, an denen ich froh bin, wenn ich ungestört mit einem missmutigen Gesichtsausdruck durch die Strassen ziehen kann.

Über das Grüssen wird auch im Internet gerne diskutiert. Auf einem Schweizer Newsportal wurde vor einigen Monaten in einem Sportblog die Frage gestellt, ob Sportler, die sich unterwegs begegnen, einander grüssen sollen. In den Kommentaren ging es schon bald nicht mehr um die eigentliche Frage, sondern einmal mehr um die Arroganz der Stadtzürcher, die ja aus Prinzip keine Fremden grüssen.

All diesen Menschen schlage ich Folgendes vor: Nehmt Euch nächste Woche einen Vormittag frei, fahrt mit dem Zug nach Zürich, spaziert vom Hauptbahnhof zur Bahnhofstrasse und geht diese in den nächsten 2 Stunden auf und ab. Grüsst jede Person, die Euch entgegenkommt, und gönnt Euch nach diesen zwei Stunden eine Kaffeepause, meinetwegen im Café Sprüngli am Paradeplatz. Setzt Euch draussen hin, am besten in die vorderste Reihe, und grüsst alle Vorbeiziehenden freundlich weiter.

Und, wie ist es Euch dabei ergangen? Euer Kaffee ist kalt geworden? Weil Ihr vor lauter Grüssen gar keine Zeit zum Trinken hattet? Tja, so ergeht es einem an Orten mit überdurchschnittlich vielen Menschen. Grüssen wird dann schnell einmal anstrengend. Vielleicht hat unser Nichtgrüssen ja auch ganz einfach damit zu tun, und nicht mit der vermeintlichen Zürcher Arroganz?

Zum Schluss noch zum Titel dieses Blogposts: In vielen Orten der Schweiz gibt es vom Volk benannte «Grüeziwege», das können Wege auf Wanderrouten, aber auch Spazierwege sein, die von vielen Menschen frequentiert werden und auf denen man deshalb dauernd am Grüssen ist – gerade in der Natur gehört das ja zum guten Ton. In Wanderführern wird von Grüeziwegen übrigens oft gewarnt. Häufiges Grüssen scheint in der Schweiz also generell nicht besonders beliebt zu sein. Wir Städter als Hauptbetroffene haben uns deshalb Abhilfe geschaffen. Und vergessen das Grüssen aus lauter Gewohnheit dann halt leider ab und zu auch dort, wo es wohl angebracht wäre.

PS: Sollte jemand von Euch mein Experiment an der Bahnhofstrasse ausprobieren: Mich würde interessieren, wie oft Ihr in den zwei Stunden zurückgegrüsst wurdet.

3 Kommentare

  • P4X

    Da überkommt einen doch plötzlich wieder die Lust am bloggen 😉

  • Florina

    Das ist eben die Frage: Grüssen die Stadtzürcher nicht, weil man abends heiser wäre nach so manchen Grüezis oder sind sie unfreundlich? Was ist dein Fazit?

  • Brigitte

    @Florina: Die Angst vor der Heiserkeit ist vielleicht eher symbolisch zu verstehen. Grossstädtern – wenn wir uns Zürcher überhaupt dazu zählen können – wird doch eigentlich weltweit Unfreundlichkeit nachgesagt. Vielleicht ist ganz einfach das Zusammenleben mit vielen Menschen auf beschränktem Raum schuld daran? Verstärkt durch die schweizerische Reservierheit?

    Andererseits habe ich heute Abend den HB versuchsweise freundlich lächelnd durchquert. Und erhielt erstaunlich viele Lächeln zurück. Es wäre also gar nicht so schwierig.

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