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Wahlbeobachter

Die Exoten

Von René Scheu 15. November 2013 Keine Kommentare

Schöne Wahlkampfstimmung kommt auch nach ersten Wahlkampfauftritten noch nicht auf. Der begründete Verdacht der Wahlbeobachter scheint sich vorerst zu bestätigen: Alle wollen irgendwie mit allen, weil sich – rein denklogisch betrachtet – alle nur so alle Optionen offen halten können.

Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, wohnten dem ersten gemeinsamen Auftritt der sechs neuen Stadtratskandidaten gerade mal 60 Zuschauer bei. Das macht ein Verhältnis von 1:10. Stellt man bösartigerweise in Rechnung, dass die Kandidaten vereinzelte Vertreter ihrer Fangemeinde aufgeboten haben dürften, gelangt man zum Schluss: Bisher bewegen die Stadtratswahlen ausser die Medienvertreter kaum jemanden.

Dies ist trotz allem schade, denn es gab schöne Quotes, die über einigen Unterhaltungswert verfügen:

Filippo Leutenegger (FDP), mein geheimer Favorit, soll gesagt haben: «Ich bin so exotisch wie früher ein Grüner, der in die Regierung wollte.» Das stimmt natürlich höchstens zur Hälfte – Filippo Leutenegger gehört längst zum Establishment. Aber es ist dennoch sympathisch. Und es zeugt von «historischem Sinn» (Nietzsche).

Nina Fehr (SVP), die Tochter von SVP-Nationalrat Hans Fehr, legt offensichtlich grossen Wert auf einen «pragmatischen Ansatz». Es ist auffällig, wie oft das Wort «pragmatisch» auch in ihrer Inauguralrede vor versammelter SVP-Mann- und Frauschaft vorkommt. Darin findet sich auch der bemerkenswerte Satz: «Die rot-tiefrot-grüne Mehrheit im Stadtrat regiert unsere Stadt vor allem ideologisch.» Kommt nach der Ideologie nun der Pragmatismus? Oder ist es vielleicht doch eher umgekehrt?

Roland Scheck (SVP) ist einer, der die Pointe mag und böse Dinge im «Zürcher Boten» schreibt, dem SVP-Organ der Stadt Zürich. Am Podium soll er gemäss «Tages-Anzeiger“ den Satz geäussert haben: «Die Stadt ist praktisch bankrott.» Wie Recht er hat. Aber will das jemand hören? Es wird eine weiterere Aussage kolportiert, von der freilich nicht überliefert ist, ob sie ernst oder scherzhaft gemeint war: «Das Wirtschaftssystem der Stadt Zürich ist die freie Marktwirtschaft.» Ist das nun die normative Ideologie, die Frau Fehr meinte?

Raphael Golta (SP) bezeichnet Politik als seine «Leidenschaft». Aha. Er verfügt auch sonst schon über den Habitus und die für Paradoxien anfällige Rhetorik etablierter Politiker. In seiner NZZ-Videobotschaft sagt er den wunderbaren Satz: «Die nächsten Jahre werden anforderungsreich, aber ich bin sicher, dass wir das hinkriegen, ohne dass wir bei der Bevölkerung allzu grosse Einschnitte machen müssen.» Kurz, es zahlen stets die anderen. Aber wer sind die anderen? Eben.

Markus Knauss (Grüne) nannte sich einen «begeisterten Lokalpolitiker». Ist Zürich denn keine Weltstadt? Wer sich so bescheiden äussert, hätte es eigentlich verdient, in den Stadtrat gewählt zu werden. Wenn da nur diese kostspieligen grünen Phantasien nicht wären, die die Limmatstadt insgeheim als globale Avantgarde der 2000-Watt-Gesellschaft darstellen.

Samuel Dubno (GLP) hat «Freude am Mitgestalten». Klar, wer würde nicht gerne ein wenig regulieren und subventionieren. Das macht natürlich immer Spass. Ansonsten sagt er im NZZ-Video: «Ich bin ein Brückenbauer.» Darüber muss ich erst mal vertieft nachdenken.

Auf die Phase «alle mit allen» folgt hoffentlich irgendwann, schon rein aus Wettbewerbs- und Qualitätsgründen, jeder gegen jeden (jeder Kandidat ist schliesslich des anderen Wolf, wir befinden uns ja de facto im Wahlkampf, richtig?). Ich bleibe wachsam und beobachte als Wahlbeobachter alle möglichen Spuren, die uns hier weiterbringen könnten…

 

Die Medien berichten:
Der Tages-Anzeiger über das Podiumsgespräch im Volkshaus
Die NZZ über die sechs Kandidaten
NZZ-Videointerview mit den Kandidaten

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