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Die glücklichste Baustelle der Welt

Wir waren im Deutschunterricht für Fremdsprachige bei dem Wort Baustelle angelangt. Ich erklärte, dass es dort Bauarbeiter gäbe, dass das dazugehörende Verb bauen heisse, und – auf Anfrage einer Kursteilnehmerin – dass der Bauer nichts mit der ganzen Sache zu tun habe, sondern auf den Bauernhof gehöre. Dann schloss ich meine Erklärung mit dem Beispielsatz «Zürich ist im Sommer eine Baustelle». Das Gelächter der Klasse zeigte, dass sie die Bedeutung des Wortes verstanden hatten.

So schlimm sei das in Zürich doch gar nicht, meldete sich dann aber ein Teilnehmer aus Südamerika. Der Verkehr funktioniere trotz der vielen Baustellen erstaunlich gut. Und fahre einmal kein Tram, stünde garantiert ein Ersatzbus parat. Es gäbe immer eine Alternative. Zu Verspätungen käme es deswegen selten, und wirklich gross seien sie nicht. Der Rest der Klasse stimmte ihm einhellig zu.

Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass mir das in einer Deutschstunde passierte. Ich halte mich für keine grosse Schweiz-Kritikerin und bin ein grosser Fan von Zürich – wie man beim Lesen meiner Blogbeiträge schnell einmal erkennt. Wenn ich im Unterricht dann aber doch einmal eine kritische Bemerkung fallen lasse, sei es über unser Land, die Stadt, ein neues strenges Gesetz oder eine typisch schweizerische Un-/Eigenart wie der Knatsch und die Diskussionen um geteilte Waschküchen, dann erklären mir die Deutschlernenden jeweils lang und breit, wieso das alles durchaus seine Berechtigung habe und schon gut sei so. «In der Schweiz ist vielleicht alles ein bisschen strenger oder komplizierter als anderswo, aber genau deshalb funktioniert hier ja alles so gut», werde ich immer wieder aufgeklärt.

Bei meinen Kursteilnehmenden handelt es sich fast ausnahmslos um gut ausgebildete Menschen von überall aus dieser Welt. Viele von ihnen haben schon in den verschiedensten Ländern gearbeitet und gelebt. Mit ihrer Sicht auf Zürich und die Schweiz halten sie mir immer wieder den Spiegel vor und zeigen mir, dass ich ab und zu vergesse, wie gut es mir geht. Wie luxuriös die vielen kleinen Probleme sind, die wir uns trotz unserer komfortablen Situation doch immer wieder machen müssen. Zu viele Baustellen, Dichtestress, zu viele Veganer, zu viele Fleischesser, zu viele Veranstaltungen, ein überbelegter Sechseläutenplatz?

Es täte uns bestimmt ganz gut, unser Leben ab und zu mit einer Aussensicht zu sehen. Vielleicht würden wir dann erkennen, dass wir nicht ganz zu Unrecht in einer Studie kürzlich zu den glücklichsten Menschen der Welt erklärt wurden. Denn dieses Glücklichsein, das merke man uns überhaupt nicht an – auch darin sind sich meine Kursteilnehmenden einig.

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Mit diesem Blogpost möchte ich mich von meinen Leserinnen und Lesern verabschieden. Herzlichen Dank für euer positives Feedback und eure Treue! Nach zwei Jahren wird der Karl-Blog auf Ende Saison eingestellt. Alle veröffentlichten Artikel bleiben aber online – meine Blogartikel zu vielen typisch zürcherischen Luxusproblemchen sind also weiterhin lesbar. Ich bedanke mich auch ganz herzlich beim Karl-Team für die immer nette Zusammenarbeit, ganz besonders bei Sabine, Bettina und Catarina.

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