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«Die meisten haben mein Besprechungszimmer mit einem Lächeln verlassen»

Von Arlette Graf 1. Juni 2016 Keine Kommentare

Der bekannte Schweizer Dichter Jürg Halter erzählt im Interview mit Fadrina Arpagaus, wie er zum Lebensberater im Karl der Grosse wurde.

Du hast viele Berufsbezeichnungen: Dichter, Performer, Musiker – und jetzt noch Lebensberater. War das schon immer ein Berufswunsch von dir?

Ich redete schon immer gerne mit fremden Menschen, weil es den eigenen Horizont überraschend erweitern kann. Ich denke, jeder, der aufmerksam zuhören kann, sich selbst hinterfragt und sich nicht als Nabel der Welt sieht, ist ein Lebensberater.

Was ist im Service von «Jürg Halters Sprechviertelstunde» inbegriffen?

Ein 15-minütiges Gespräch unter vier Augen, ein von mir unterschriebenes Wachheitsdiplom, das als Aufforderung zu mehr Mut zu verstehen ist, und nicht zuletzt ein wunderschöner kleiner Kaktus in adrettem Tontöpfchen zum Gesprächstraining zuhause.

Worin unterscheidet sich deine Sprechviertelstunde von einer Therapiesitzung beim Psychologen?

Im Grunde genommen wenig, ausser dass sie einmalig ist, schneller und billiger. Natürlich stellt das Format als solches beiläufig den Therapiewahn in Wohlstandsgesellschaften in Frage. Aber das ist nur die Botschaft nach aussen. Die Gespräche sind ernsthaft und sehr individuell.

Wer kommt in deine Sprechstunde?

Bis jetzt kamen unter anderem eine Studentin der Medienwissenschaften, ein Geschäftsmann, eine Tänzerin, ein Arbeitsloser, eine Verkäuferin und eine Therapeutin. Also sehr unterschiedliche Menschen, was mich sehr freut und auch ein wenig überrascht hat.

Welche Themen wollen deine Gäste besprechen? Persönliche oder gesellschaftspolitische?

Vom Leistungswahnsinn über die schwindende Unabhängigkeit der Medien über die Definition von Liebe bis zum Nachdenken über die Grenzen des Sagbaren. Und eine Frau wollte darüber sprechen, weshalb sie immer zu spät kommt, aber das durchaus gerne, und wie dies aber meist zum Missfallen der Wartenden sei. Es war ein höchst amüsantes und absurdes Gespräch…

Du bist ja in deiner Funktion als Lebensberater ein bisschen der Seismograf der Schweizer Gesellschaft. Wie steht es denn zurzeit um die Befindlichkeit der Menschen, die in der Schweiz wohnen? Was bewegt die Leute?

Was mir aufgefallen ist: Viele wichtige Themen werden in den Medien zwar angesprochen, aber oft so verallgemeinert, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass sie Texte und Berichte darüber nicht eigentlich angehen. Und die Zukunftszuversicht scheint gering. Verständlicherweise. Es braucht eine Wende.

Kann man denn in 15 Minuten überhaupt die grossen Probleme erörtern?

Natürlich nicht. Die Idee ist, die Leute auf neue Gedanken zu bringen, ihnen neue Perspektiven zu zeigen, ihnen etwas Hoffnung zu machen. Ein Gesprächsanfang vielleicht, der neue Fragen zur Folge hat. Oft hatten die Gespräche eine Intensität, die manch längere Gespräche nicht haben, gerade, weil die Zeit knapp ist. Gleichwohl verlaufen die meisten Gespräche erstaunlich entspannt.

Was tust du, wenn du eine Frage nicht beantworten kannst?

Ich sage: Ich weiss es nicht. Und denke darüber nach. Ich bin ja kein Menschenverachter und Betrüger wie Mike Shiva.

Gibt es auch Themen, über die es sich zu schweigen lohnt?

(Halter schweigt.)

Wie muss man sich auf deine Sprechstunde vorbereiten?

Es braucht keine Vorbereitung, nur etwas Mut und Offenheit.

Wie waren bis jetzt die Rückmeldungen?

Die meisten Menschen haben sich über das Gespräch gefreut. Ein paar wenige hatten vielleicht zu bestimmte Erwartungen, aber die meisten haben mein Besprechungszimmer mit einem Lächeln verlassen – so glaubte ich es wenigstens zu sehen.

Eine Praxis spiegelt ja immer auch ihren Therapeuten. Wie sieht deine Praxis aus?

Die Praxis ist wunderschön in der Zürcher Altstadt gelegen, in einem Turmhäuschen auf der Sonnenterrasse vom Karl der Grosse direkt neben dem Grossmünster. Das Zimmer ist kaktus- und lichtreich. Es hängen ein paar Bilder, die… aber am besten man schaut selber vorbei.

Bei wem würdest du dich beraten lassen, wenn du die Möglichkeit hättest?

Spontan fallen mir sehr unterschiedliche Menschen, lebendige und verstorbene ein, welche, die ich bewundere, andere, die ich während des Gesprächs unauffällig in geistige Geiselhaft nehmen würde: John Berger, Hildegard Knef, Christoph Blocher, Peter Liechti, Judith Holofernes, Angela Merkel, Yanis Varoufakis, die Queen, Trump, Nietzsche oder Ruth Dreyfuss.

Die nächsten «Sprechviertelstunden» finden am 12. Oktober und 9. November von 17.30-21.30 Uhr im Turmzimmer auf der Dachterrasse vom Karl der Grosse statt. Anmeldungen unter karl.debattieren@zuerich.ch. Die freien Sprechzeiten finden Sie hier.

Jürg Halter, geb. 1980 in Bern, wo er meistens lebt. Halter ist Dichter, Musiker und Performancekünstler. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation. Regelmäßig Auftritte in ganz Europa, in den U.S.A., in Afrika, Russland und Japan. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Zuletzt erschienen der Gedichtband „Wir fürchten das Ende der Musik“ (Wallstein, 2014) und das Prosa-Foto-Buch „Hoffentlich verliebe ich mich nicht in dich“ (Edition Patrick Frey) mit Huber.Huber. Im Herbst 2016 kommt „Das 48-Stunden-Gedicht“ (Wallstein) mit Tanikawa Shuntaro. Halters erstes Theaterstück, „Mondkreisläufer“, feiert am 10. September am Konzert Theater Bern Weltpremiere.

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