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Die Parallelwelten von S. Gisler und S. Gisler

Von Silvan Gisler 6. November 2014 Keine Kommentare

Ich war erstaunt. Letzthin berichtete das Newsportal Watson über mich – und offenbarte mir dabei bisher unbekannte Facetten meiner selbst: S. Gisler. Frau. SVP-Delegierte. Glühende Verehrerin des Königs von Herrliberg. Schnell war geklärt, dass hier mit «S. Gisler» nicht ich gemeint war, sondern das Pseudonym einer Delegierten an der SVP-Generalversammlung in Rothenthurm. Doch stellten sich mir danach verwirrende Fragen: Leben wir in Parallelwelten? Oder sind wir Namensvetter gar Zeichen einer Helvetischen Schizophrenie?

Uri. Heimat des Tell, Quellort des «Stiär Biär», 76 km von Zürich entfernt. Zürich. Heimat von Vujo, Fliesstresen des Amboss Bier, gleich weit entfernt von Uri wie Uri von Zürich. Keine Distanzen für allzu grosse Unterschiede – würde man meinen.

Uri. Wohnort von S. Gisler. Sie hält Völkerrecht für überflüssig. Lieblingszitat: «Das Boot ist voll.» Zürich. Wohnort von S. Gisler. Zuwanderungs-Befürworter. Sieht in der neu lancierten Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht» den bisherigen Tiefpunkt. Der Unterschied könnte nicht grösser sein.

Woher kommen diese unterschiedlichen Wahrnehmungen der Schweiz? Auch ich habe meine Wurzeln, meine Verwandtschaft in Uri. Auch ich sehe und schätze die dortigen engen Schluchten, die urchigen Alpen und wilden Landschaften. Wie also können wir durch dasselbe Fenster schauen und auf solch unterschiedliche Ergebnisse kommen? Die einfachste Antwort lautet: «Stadt-Land-Gefälle». Denn Frau S. Gisler wohnt in Uri, Herr S. Gisler in Zürich. Tatsächlich offenbaren die Abstimmungen einen Stadt-Land-Graben. Und auch nach dem 30. November werden wir ihn wieder sehen und wieder darüber sprechen. Das Bild der Schweiz klafft am Fusse der Alpen auseinander.

Allerdings machen wir dabei denselben Deutungsfehler wie beim Röstigraben: Dort der linke, zentralistische Romand, hier der bürgerliche, liberale Deutschschweizer. Durch die Analyse verfestigen wir das Stereotypen-Bild des Gegenübers: Der Romand, der Deutschschweizer. Der Ländler, der Städter. Der Zürcher, der Urner. Durch Mehrheitsdiagnose und stereotype Überzeichnung schaffen wir uns unsere Anti-Thesen: den «anderen» Helvetier, vor dem wir uns fürchten, den wir als Bedrohung der eigenen Persönlichkeit erkennen; unseren Mr. Hyde im Innern der Schweiz. Schizophren, eben. Und auf der anderen Seite sieht’s gleich aus: S. Gisler aus Zürich? Dieser Totengräber der Demokratie! Vaterlands-Verräter.

Und befassen wir uns dann mal mit den vermeintlichen Anti-Thesen, erhalten wir Berichte wie den besagten Watson-Artikel: Der Besuch einer SVP-Delegierten-Versammlung liest sich hier für den Zürcher Mittzwanziger wie seinerzeit die Abenteuer von Tim und Struppi im Kongo. Eine Zurschaustellung minderbemittelter Exoten.

Damit offenbaren wir – abseits von politologischen Stadt-Land-Analysen – etwas alltägliches und profanes: gegenseitiges Unverständnis. Ebenso profan wäre eigentlich das Mittel dagegen: Miteinander sprechen. Wollen wir uns nicht nach jeder Abstimmung, welche Ausländer oder Wandel der Gesellschaft zum Thema hat, wieder aufs neue mit den Gräben befassen, sollten wir uns – anstatt auf dem iPod im Zug mit empörter Belustigung wunderliche Geschichten aus dem Tikitaka-Alpen-Land zu lesen – dringendst auch ins «andere» Territorium wagen, das Gespräch suchen. Das heisst nicht, dass wir dabei diffusen Ängsten Recht geben sollten, im Gegenteil. Aber wir müssen mit deren Trägern sprechen. Wir müssen uns mit solchen Welten und Argumentationsmustern auseinandersetzen, um damit umgehen zu können. Wir müssen aus unserem Bubble raus. Die Konfrontation im Gespräch suchen.

Falls Sie, sehr geehrte Frau «S. Gisler», diesen Artikel also lesen: Gerne mal auf ein Stück Kuchen und ein Gespräch im Café Danioth in Altdorf!

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