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Die Schönschrift zwischen dem Gekritzel

In den vergangenen Tagen sind die Menschen aus der Hitze förmlich in den kühlen Kirchenraum im Grossmünster geströmt. Kirchenräume sind wohltuende Oasen für die Stadtseele.

In der Kühle kommt das Herz zur Ruhe. Sie sitzen hinter den Säulen, in der Krypta oder in der 12-Boten-Kapelle, dösen vor sich hin, schreiben Gedanken ins Fürbitte-Buch oder schneiden Zeitungsartikel heraus und legen sie hinter die Grabplatten.

Es ist, als würde der Kirchenraum zur Lesehilfe: Menschen können darin neu oder anders ihr Leben lesen. Zur Lesehilfe dient alles: Fenster, Menschen, Steine, Erinnerungen, Bibeln, Ruhe, Kirchenbänke zum Schlafen; aber auch herumschlendern, meditieren, schreien, murmeln, beten, nachdenken, singen, schnarchen, entdecken. Oder auch Gespräche.

Unter dem Menschensohn-Fenster sitze ich vor ein paar Tagen zusammen mit Nils Jent. Er sitzt im Rollstuhl, ich auf der Kirchenbank. Nils Jent, seit einem Motorradunfall im Alter von 18 Jahren gelähmt, blind und beinahe sprachunfähig, hat sich mit seiner Intelligenz, die ihm als einziges blieb, ins Leben zurückgearbeitet und lehrt heute im Bereich Diversity Management an der Universität St. Gallen. Durch den Doku-Film von Röbi Koller «Unter Wasser atmen – das zweite Leben des Dr. Nils Jent» wurde seine Geschichte in der ganzen Schweiz bekannt. Wir sehen uns zum ersten Mal. Begeistert erzähle ich ihm vom Vexierbild auf dem Kirchenfenster, vergesse mich und frage, welches Kippbild er zuerst sieht, das Gesicht oder den Kelch.

«Ich sehe ja nichts», sagt er verlegen, «doch als Du Kelch und Gesicht erwähntest, ist meine Vorstellung durch ‹Kelch› und ‹Gesicht› gleichsam fixiert worden, deshalb ‹sehe› ich, indem ich mit diesen fixierten Vorstellungen nachzeichne, was Du sagst. Miteinander sehen wir mehr. Mir geht es in meiner Arbeit und Forschung nur um diese Sichtweise des Miteinanders als Inklusion, als inkludierende gesellschaftliche Kraft. Miteinander sehen wir mehr.»

Voller Scham wage ich die Flucht nach vorn: «Wenn Du in der Bibel die Heilungsgeschichten liest, die Heilung eines Blinden durch Jesus zum Beispiel: Wie kannst Du diese Geschichte als Blinder lesen?» «Für mich als Blinden ist diese Geschichte nur dann lesbar, wenn ich sie nicht als Heilung physischer Blindheit interpretiere, sondern sie mich in einen Raum führt, wo mir etwas aufgeht, wo ich etwas begriffen habe. Wenn ich begreife, habe ich neu oder anders sehen gelernt. Ich begreife, also sehe ich neu.»

Betroffen sitze ich auf der Bank, nachdenkend. «Schau, mir ist in meiner Arbeit mit Nils aufgegangen», reisst mich seine Arbeitskollegin Regula Dietsche aus den Gedanken, «dass es auch bei uns ein Kippbild ist, wo entweder Nils oder ich zum Blinden gemacht werden. Wenn ich mit Nils im HB Zürich stehe, sprechen alle mich an, da viele glauben, dass Niels auch geistig behindert ist. Und wenn Nils im Hörsaal liest, werde ich übersehen und viele meinen, ich sei seine Pflegerin.»

Das Leben anders lesen – solche Erzählungen schreibt die Stadtseele in das Gemäuer der Kirchen in der Stadt. Es sind keine grossen Erzählungen, es sind eher Anekdoten, Kurzgeschichten, Erlebnisse und Bilder. Sie schreiben ins Gedächtnis und ins Gewissen der Stadt, dass jedes Leben aus dem gleichen Stoff geschrieben ist, vom gleichen Sternenstaub stammt, ob man nun im Rollstuhl blind und schwer verständlich redet oder aber herumrennt, sieht und bloggt.

Für mich sind Erlebnisse wie das mit Nils Jent mit einem Griffel zu vergleichen, der das Leben in Schönschrift Seite um Seite neu schreibt. Diesen Gedanken hat mir Ernesto Cardenal geschenkt.

Cardenal, Befreiungstheologe, Prophet und Poet aus Südamerika, kommt im hohen Alter vermutlich zum letzten Mal nach Europa. Zusammen mit der Musikgruppe Grupo Sal kommt er am Montag, 23. Juni, in die Helferei an der Kirchgasse und erzählt um 19.30 Uhr aus seinem Leben. Von ihm stammt das Zitat:

«Die ganze Schöpfung ist die Schönschrift Gottes, und in seiner Schrift gibt es nicht ein sinnloses Zeichen.»

Ernesto Cardenal schreibt Poesie, Nils Jent schreibt mit der modernsten Technik, ich habe eine kaum lesbare Charakterschrift – und doch geht es bei uns allen immer wieder darum, in unserem Gekritzel diese eine Schönschrift zu entdecken. Ich lade Sie herzlich zum Abend mit Ernesto Cardenal ein.

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