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Die Schweizer haben ihr -li verloren

Wir seien die Weltmeister des Understatements, sagt man. Dabei überschätzen wir uns in jüngster Zeit stetig. Ein wenig kritische Selbstreflexion würde da gut tun.

«Wir Schweizer machen uns immer ein wenig kleiner als wir sind», sagt jemand in einer Podiumsdiskussion, und zuerst deutet sich da auch bei mir – bedingt durch den uns jahrzehntelang eingeimpften Narrativ – reflexartig ein Kopfnicken an. Aber halt, stopp. Der Kopf zuckt wieder zurück. Ähnlich dem Moment, in dem man merkt, dass man beinahe eingenickt ist.

Nüchtern überdenke ich den Satz und führe mir die jüngste, aber auch die weiter zurückliegende Zeit vor Augen – und vergegenwärtige mir den mit Schlagworten gespickten Weg, den sich unser Land zurechtgepflastert hat. «Sonderweg» kommt mir da in den Sinn, und die «Erfolgsgeschichte Schweiz». Zürich? «World Class, Swiss Made.»

Begriffe, die schwer mit Understatement zu koppeln sind. Wir sind die Weltmeister der Verniedlichung, die Südamerikaner Europas sozusagen. Schüeli, Zückerli, Hüüsli… Was in Südamerika das «-ito/-ita» ist, ist bei uns das «-li». Das ist in vielen Bereichen so. Doch gerade wenn es ums grosse Ganze geht, haben wir offenbar das «-li» vergessen. Die Schweiz, die Insel, die Sonderlinge, die es wegen ihres sturen Grings geschafft haben.

Unser Weg liest sich bisweilen wie eine Firmenchronik. Klar, die Bilanz, die wir vorzuweisen haben, ist gut. Und darauf darf man als kleines Land ohne Rohstoffressourcen durchaus stolz sein. Doch impliziert der «Sonderweg» einen Alleingang, den es so nie gegeben hat. War Napoleon wichtig für die Schweiz? Klar! Ebenso, wie die Architektur der modernen Schweiz unter anderem auch ein Produkt des Wiener Kongress von 1815 ist.

Der «Sonderweg» aber suggeriert uns das Gegenteil: Nämlich, dass es alleine ging. Die Schweiz, allen auswärtigen Stürmen gewachsen; einsame, aber erfolgreiche Kämpferin und Schmiedin ihres eigenen Glücks.

Diese Selbstüberschätzung zeigt sich heute: Menschenrechte schützen durch die Europäische Menschenrechtskonvention? Das können wir selbst besser. EU? Die sollte sich lieber uns anschliessen. Die Liste ist ausbaubar: Das Bankgeheiminis wurde bis zuletzt als zu verteidigende DNA der Schweiz hochgehalten, bis der internationale Druck schlicht zu gross wurde.

Auch bei den momentanen «Verhandlungen» mit der EU über die Personenfreizügigkeit zeigen sich der «Gring» und die Selbsteinschätzung sehr gut: Die EU muss uns entgegenkommen, denn sie braucht uns, so die landläufige Meinung. Und will sie denn nicht, so wird ihre Position als «arrogant» abgetan. Dabei geht es um einzuhaltende Verträge. Man könnte bei der Diskussion durchaus meinen, die EU hätte in den vergangenen Jahrzenten vor allem von der Schweiz profitiert und nicht umgekehrt. Wir könnten es notfalls auch alleine.

Wer lange erfolgreich war, wird unvorsichtig, wer lange gelobt wurde, arrogant, wer lange wenig Sorgen hatte, gesättigt. Zusammengefasst ergeben diese Attribute Selbstüberschätzung. Wir Schweizer müssen uns nicht kleiner machen als wir sind, aber auch nicht allzu viel grösser. Bluffen ist bisweilen gut, aber als kleines Land sind wir auf verschiedensten Ebenen an das globale Netzwerk gekoppelt. Als Teil des Ganzen. Und von ihm abhängig.

PS: Und ja, «die Weltmeister des Understatement» ist eigentlich ein Oxymoron.

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