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«Die Strahlung dient uns allen»

Von Felix Ghezzi 4. März 2014 1 Kommentar

Wissen Sie, wie lange Sie Zeit haben, um zu flüchten, wenn Sie in der Zürcher Bahnhofstrasse am «Lädele» sind und der an- und abschwellende Heulton für einmal kein Probealarm, sondern die Ankündigung einer Flutwelle ist? In 1 Stunde und 50 Minuten wären bei einer Zerstörung der Talsperren die Wassermassen aus dem Sihlsee im Stadtzentrum. Viele der Gebäude rund um die Shoppingmeile stehen auf schwachem Fundament und würden einstürzen. In Teilen der City, inklusive Hauptbahnhof, stünde das Wasser bis zu 8 Meter hoch, was rund drei Stockwerken entspricht.

Die Folgen eines Staudammbruches wären sicherlich von unglaublichem Ausmass. Doch es ist anzunehmen, dass alles daran gesetzt würde, dass möglichst schnell die wichtigsten Verkehrsverbindungen reibungsfrei funktionieren, die Bankenwelt wieder ins Rollen kommt und die Menschen ein Dach über dem Kopf und trockene Füsse haben.

Anders sieht es für über hunderttausend Menschen in den Stadtrandregionen von Dakar aus. So sind die Erdgeschosse und die Strassen der Vororte der senegalesischen Hauptstadt während mehrerer Monate im Jahr mit Wasser überschwemmt. Eine Besserung ist gemäss Experten nicht in Sicht. Unter anderem die Landflucht, der Klimawandel, schlechte Entwässerungssysteme und die Verachtung durch die Gesellschaft, wenn ein Vater und Ehemann für seine Familie kein Haus bauen kann, haben dazu geführt, dass auch in Gebieten gebaut wurde und wird, wo die sandige Erde das Wasser nicht mehr aufnehmen kann.

Die Aufnahmen in der Ausstellung «Dakar ne dort pas … Dakar se noie» («Coalmine» in Winterthur, noch bis am 28.03.2014) der Zürcher Fotografin Flurina Rothenberger sprechen eine unaufgeregte Sprache, die Szenen sind mit sicherem Blick komponiert. Die Fotos sind ästhetisch und zugleich hat man nicht das Gefühl, sie seien verharmlosend. Die Künstlerin führt die Menschen nicht als Arme vor, sondern man glaubt in ihren Blicken und ihren Körperhaltungen auch Stolz zu sehen. Und zugleich springen einem die Probleme ins Auge und man fragt sich: Wie muss es sein, unter solchen Bedingungen zu leben? Würde ich unter diesen Lebensumständen nicht vielleicht versuchen, in ein reiches europäisches Land zu flüchten?

Während viele Probleme von Dakars Vorstädten durch die Fotografie schnell verständlich dokumentiert werden können, und die Kraft von Wassermassen – eine der Hoffnungen beim Atomausstieg – anhand des Super-Gau-Szenarios bei einem Staudammbruch gut vorstellbar ist, ist die bildliche Umsetzung des Themas Kernkraft viel schwieriger. Das zeigt sich in den zwei Coalmine-Räumen nebenan in Jules Spinatschs Ausstellung «Asynchron – Zwischenstand» (ebenfalls bis 28.03.2014). Der Davoser, der in Zürich lebt und arbeitet, erkundet wie Rothenberger im Medium Fotografie die drängenden Probleme und Druckstellen der Gegenwart und Zukunft.

Dabei gehört, wie bei vielen Fotografen in den letzten Jahren zu beobachten war, auch zusätzlich die Thematisierung des Mediums Fotografie selbst und ihrer Grenzen dazu: Wie wird mit Hilfe von (Marketing-)Bildern für die Sicherheit von Endlagern geworben? Wie verändert sich die Bedeutung einer Fotografie, wenn man darum weiss, dass es sich bei der Detailaufnahme einer Betonwand nicht um eines dieser hässlichen Schulhäuser aus den 1970er Jahren, sondern um das Versuchsatomkraftwerk bei Lucens im Kanton Waadt handelt, das 1969 nach einer Explosion mit anschliessender Kernschmelze versiegelt wurde? Sind die Fotos von LED-Anzeigen mit Aussagen wie «Die Strahlung dient uns allen» aus dem Besucher-Zentrum des AKWs Beznau aus einem Textzusammenhang gerissen und also entstellt worden, oder aber ist die Aufnahme in einem für die AKW-Betreiber entblössenden Sinn ausgestellt?

Die Probleme von Dakar scheinen für uns Zürcher weit weg zu sein, und die Wahrscheinlichkeit eines Staudammbruches ist wegen der berühmten Schweizer Qualität verschwindend klein. Die Ursachen für beide sind nachvollziehbar, die Folgen deshalb anschaulich und zu einem grossen Teil berechenbar. Anders verhält es sich mit der Kernkraft. Über die Auswirkungen bei Worst Cases streiten sich Experten auch nach Tschernobyl und Fukushima. Für die meisten Menschen sind sie unvorstellbar, und das Zustandekommen der Kernkraft ist ihnen und mir auch nach dem Besuch der Ausstellung ein Buch mit sieben Siegeln.

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