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Die unentdeckte Stadt

Von Christoph Sigrist 23. Januar 2014 1 Kommentar

Vergangenes Wochenende besuchte ich mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden die evangelisch-lutherische Gemeinde. Es gibt ja neben der reformierten Tradition auch die evangelisch-lutherische Prägung von evangelischen Christen. Meist sind es Ärzte, Pflegefachleute, Anwälte oder Industrielle aus Deutschland, die sich in dieser kleinen Gemeinde treffen – also jene Fremden, die uns Einheimische pflegen, verarzten und uns zum Recht verhelfen.

Mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen, die sich in Gymnasien und Sekundarschulen treffen, auch im kirchlichen Leben begegnen. Die evangelisch-lutherische Gemeinde führt ebenfalls eine Konfirmandenklasse. Und so kam es, dass die Jugendlichen an diesem Abend auf Hochdeutsch und Schweizerdeutsch über das Abendmahl diskutierten.

Nach dem für uns Reformierte sich fremd anfühlenden Abendmahlsgottesdienst kam ein Vater einer Konfirmandin auf mich zu. Bewegt vom Erlebten nahm er mich zur Seite: «Weisst Du, nun bin ich in Zürich aufgewachsen, ging hier in die Schule, studierte hier und heiratete hier, ich lebte nirgendwo anders als in Zürich und bin Züribueb durch und durch. Und nun muss ich Dir sagen, dass ich zum ersten Mal in dieser Kirche bin – ich wusste nichts von dieser evangelisch-lutherischen Gemeinde. Das erschüttert mich.»

Unentdeckte Stadt? Dass ich als Tourist in Berlin oder New York auf Entdeckungsreise gehe und in die verborgensten Winkel streune, ist klar. Dass ein Züribueb auf Entdeckungsreise in der eigenen Stadt geht, da muss man schon von seinem Kind hingezogen werden.

Unentdeckte Stätten der Stadt sind interessante Oasen für neugierige Augen und hellhörige Ohren. Meist sind es Kinder, die sich in unentdeckten Winkeln verstecken und mich dorthin führen, wo man jahrzehntelang vorbeirennt. Es gibt einen Stadtplan unentdeckter Orte, und es lohnt sich, diesen Plan einmal hervorzunehmen. Auf diesem Stadtplan sind Orte drauf, an denen die Autos von Google zuverlässig vorbeifahren – oder erst gar nicht hinkommen.

Haben Sie schon den Stein besucht, der an die Täufer erinnert, die die Reformatoren in der Limmat ertrinken liessen? Oder das ehemalige jüdische Bad, das auch vom Pogrom gegen Juden im Mittelalter zeugt? Oder die hängenden Gärten, nicht in China, sondern hier in Zürich? Oder jene Moschee, die sich dort eingemietet hat, wo mein Grossvater noch mit Amboss und Hammer, Drehbank und Stanzwerk Eisen verarbeitete?

Die unentdeckte Stadt möchte vom unerzählten Leben erzählen, das in der Stadtseele unscheinbare Spuren hinterlässt. Gerade eben solche Spuren, wie sie die kleine Gemeinde unserer Mitmenschen aus dem grossen Kanton in unsere Häuser und Strassen zeichnet. Es lohnt sich, die Kurve zu nehmen und bisweilen abzuzweigen und innezuhalten.

Und? – Wissen Sie, wo diese Kirche sich befindet? Viel Vergnügen bei Ihrer Entdeckungsreise! Und: ziehen Sie mich hinein in Ihre unentdeckte Stadt. Erzählen Sie mir von Ihren Plätzen und Orten, Winkeln und Häusern unserer Stadt!

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1 Kommentar

  • ester

    Guten Abend, Ich such info über den Altstadt ZH zeit mittelalter. Können Sie mir mehr sagen über das jüdische Bad, wo war es etc.?
    Grüsse
    Ester

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