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«Die Wilden» sind nicht in der Fremde anzusiedeln

Von Felix Ghezzi 31. März 2015 1 Kommentar

Kennengelernt habe ich Bettina Carl vor sieben Jahren. Sie war damals vom Kuratorinnen-Duo «Art Agreement» eingeladen, für einige Wochen die Wände unseres Verlags mit ihren Zeichnungen in einen Ausstellungsort zu verwandeln. Der Zusammenhang mit der Buchwelt war die Verwendung von Textfragmenten in Bettina Carls Bildern und ihr ausgeprägtes Interesse an Sprache und Literatur.

Als Lektor erfreue ich mich natürlich auch an ihren Bildtiteln. Mich fasziniert ihr Stil: die collageartige Mischung von konkret und abstrakt, die Kombination von Aquarell, Farb- und Bleistift, Filzstift und Kugelschreiber. Ausserdem schätze ich es, dass ihre Werke nicht alle sofort zugänglich sind, sondern ich vor allem in die grossformatigen Bilder eintauchen muss – mit der Gefahr, dass ich mich darin verirre, aber auch mit der Möglichkeit, dass sie bei jedem Betrachten an Kraft gewinnen.

Seit einigen Tagen ist die Essaysammlung «Stil und Moral» des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss erhältlich. Im Text «Kolonien» gibt es am Schluss eine Passage, bei der mir Bettina Carl und ihre Kunst in den Sinn gekommen sind: «Auch nach Goethe und Shelley hat kein Tourist je unser Land besucht, um die Kultur kennenzulernen … Nein, dieses Land besucht man auch heute ausschließlich der Natur wegen.» Sucht man in der Schweiz eine feste Bleibe – so kann man Bärfuss‘ Sätzen hinzufügen –, dann geht es wohl eher um das Leben als um die Kunst: Weil man einen Job gefunden hat, Flüchtling ist, oder wie im Fall von Bettina Carl, die Liebe den Weg geleitet hat.

Die Künstlerin war rund eineinhalb Jahre vor der Verlagsausstellung von Berlin nach Zürich gezogen, und sie hat auch die Kultur – entgegen Bärfuss‘ Aussage – in Zürich schätzen gelernt: «Kunstmässig ist es eine Metropole. Vielleicht nicht quantitativ, aber qualitativ. Nicht nur was bildende Kunst betrifft, sondern auch Theater, Musik. Und da alles so nahe beieinander liegt, ist es auch schnell erreichbar, und ich gehe deshalb öfter hin.»

Bei meinem Besuch in ihrem Atelier vor zwei Wochen bestätigte mir die Künstlerin, dass sie zwar nicht wegen der Schweizer Natur nach Zürich gekommen sei, Klischees und Ideen von Natur als identitätsbildendes Gegenüber und als Sehnsuchtsort jedoch zentrale Themen ihrer Arbeit sind. Manchen Künstler führte die Erhabenheit der Berge in die Schweiz; Bettina Carl meint dazu: «Berge finde ich auch schön, aber mehr aus der Ferne betrachtet.» Ihr ist der Wald näher, ein nicht weniger überhöhtes Motiv, das gerade in Deutschland auch ein politisch aufgeladenes Sujet ist.

Zu ihrer Serie «Kauntri» ist sie durch einen Zeitungsartikel über ländliche Alltagskultur angeregt worden. Es gibt diese seltsame Mischung – in Bayern, Österreich und in der Schweiz – zwischen alpenländischer Folklore und Americana, und die Ländlermusik hat sich inzwischen auch musikalisch mit Countrymusik vermengt.

Das Naturthema ist nicht in allen ihren Arbeiten aus den Serien «Kauntri» oder «Forstgottheiten» sofort ersichtlich: «Es geht mir nicht darum, dass man die Inhalte, die mich beschäftigen, direkt aus den Werken ablesen kann. Aber es ist mir beim Arbeiten ganz wichtig, mich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, sonst würde mir der Ansporn fehlen. Obwohl ich abstrakte Kunst durchaus schätze, würde es mich nicht zufriedenstellen, selbst rein abstrakt zu arbeiten. Ich brauche Gedanken, um die ich dann mit meinen bildnerischen Mitteln kreise, sonst hätte ich keinen Halt.»

Irgendeine Form von Halt braucht man auch an dem Ort, wo man wohnt, um mit dem Leben einigermassen zufrieden zu sein. Das wird sehr stark durch die Akzeptanz der Mitmenschen bestimmt. Fragen der gesellschaftlichen Zugehörigkeit stehen auch hinter Bettina Carls Serie «The Locals». Das Thema ist universell: Die Frage «Wer ist Einheimischer, wer nicht?» wird leider überall auf der Welt gestellt und debattiert. Die Folgen solcher Einschluss- und Ausschlussdebatten sind in den Medien zu lesen und für Fremde tagtäglich zu spüren.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal Lukas Bärfuss zitieren: «Nein, dieses Land besucht man auch heute ausschliesslich der Natur wegen. Sie ist unsere wahre Kultur. Den Menschen aber, dessen Kultur die Natur ist, nennt man einen Wilden.»

Es wäre also zu einfach, «die Wilden» in der Fremde anzusiedeln, wie Bärfuss uns zu bedenken gibt. Wild muten auch einige Figuren in Bettina Carls Serie «The Locals» an. Die Künstlerin bezeichnet sie explizit als Ansammlung mitteleuropäischer Prototypen. Dabei ist es ihr kein Bedürfnis, den Betrachter mit ihren Bildern aufzuklären oder zu informieren; dafür scheinen ihr andere Medien als die Kunst besser geeignet zu sein. «Meine Zeichnungen sind vielmehr eine Art von seltsamen Kommentaren, um die niemand gebeten hat.»


1 Aus EINS UND ZWEI: Atelieransicht, 2015, von links: «Bob» 27 x 36 cm, «Braue», «Bank», «Kopf», verschiedene Techniken auf Papier © Bettina Carl

2 Aus EINS UND ZWEI: «Im Wasser» (Alle sind gleich und spiegeln sich im Wasser) 2014, Mischtechnik auf Papier, Collage, zwei Teile, 56 x 85 cm © Bettina Carl

3 Aus FORSTGOTTHEITEN: «Ohm», 2011, Aquarell, Kohle, Pastellkreide auf Papier, 178 x 150 cm © Bettina Carl

4 «Kauntri II», 2014, Mischtechniken auf Papier, Objekte (Kartons, Textilien, Holzgestelle u.a.) Ausstellungsansicht DuflonRacz Galerie Bern Mai 2014 © Bettina Carl

5 Aus EINS UND ZWEI: «Figur mit Hund», 2013–2015, Aquarell, Kohle, Pastellkreide, Collage auf Papier, drei Teile, 275 x 233 cm, Ausstellungsansicht Kaskadenkondensator Basel, Feb. 2015 © Bettina Carl

6 «Den alten Bekannten 2013/An Martin Kippenbergers Leber», Atelieransicht Nov. 2013 © Bettina Carl

7 Aus KAUNTRI: «Homme de Terre», Bleistift, Farbstift, Acryl auf Papier, 36 x 27 cm, 2014 © Bettina Carl

8 Aus KAUNTRI: «Hecke mit Ast», Aquarell auf Papier 27 x 36 x cm, 2013 © Bettina Carl

9 Aus KAUNTRI: «Hecke, Kohle, Tier», Kohle, Pastellkreide, Graphit auf Papier, 45 x 55 cm, 2015 © Bettina Carl

10 Aus THE LOCALS: «Silke» und «Im Arm», Aquarell auf Papier, je 30 x 21 cm, 2008 © Bettina Carl

11 Porträt Bettina Carl © Felix Ghezzi

1 Kommentar

  • Beatrice

    Was für eine Fülle in Wort und Bild – spannend – bereichernd!
    Danke, lieber Felix und herzliche Grüsse
    Beatrice

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