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Die Zeitmaschine am Goldbrunnenplatz

Von Brigitte Federi 30. Oktober 2014 4 Kommentare

Fotoautomat. Bild: Brigitte FederiEr ist ein Unikum und erinnert an vergangene Zeiten: Der Fotoautomat an der Goldbrunnenstrasse in Wiedikon. Für mich hat er ein bisschen etwas von einer Zeitmaschine; ich setze mich auf den wackeligen Drehstuhl, überprüfe die Augenhöhe, werfe den Einfränkler ein, und schon wenige Sekunden später blitzt es zum ersten Mal. Zwischen den drei nächsten Blitzen habe ich kurz Zeit, mich in andere Posen zu werfen, muss dabei aber aufpassen, dass ich nicht blinzle.

Bei der ersten Versuchsreihe waren meine Augen auf zwei von vier Bildern nämlich geschlossen.

Danach stehe ich vier Minuten lang vor dem Automaten herum und warte auf dieses ganz besondere Geräusch, das man hört, wenn der Filmstreifen aus dem Automaten geschoben wird. Das noch leicht feuchte Papier stinkt wie eh und je nach faulen Eiern und katapultiert mich zusammen mit den anderen Eindrücken in meine Jugend zurück.

Nur, eigentlich wollte ich gar nicht nostalgisch werden. Ich wollte erzählen, was mir durch den Kopf ging, als ich kürzlich am Fotoautomaten vorbeiging. Ich dachte an den Stellenwert, den er in unserer Jugend hatte. Wie oft, mit wem oder für wen meine Freundinnen und ich uns zum nächsten Fotoautomaten aufmachten. Und obwohl ich finde, dass auf dieser Welt schon mehr als genug über Selfies geschrieben worden ist: Waren die beliebten Fotoautomaten nicht so etwas wie ihre Vorgänger?

Denn die Bilder von damals hatten doch durchaus auch eine soziale Funktion: Mit wem fotografiere ich mich, wem schenke ich meine «Föteli»? Wer hätte denn gerne eines von mir? Wer nicht, und wieso nicht? Sammelt er keine Bilder, oder mag er mich nicht?

Fotostreifen aus dem Automat. Brigitte Federi

Richtig cool war, wer einen hohen Bilderstapel mit sich herumtrug. So hoch, dass er schon gar nicht mehr ins Portemonnaie passte. Es war wichtig zu zeigen, wie viele Menschen man kannte, welche «Freunde» man hatte. Die Föteli wurden meistens ausgetauscht, und wer selbst viele besass, hatte zumindest theoretisch einen gleich hohen Stapel an Bildern von sich verteilt. Wo wir offensichtlich beim zweiten Vergleich angelangt wären – Facebook. Auch hier entscheidet jeder, mit wem er etwas teilt oder eben nicht. Und auch hier spielt – in einer gewissen Altersgruppe – die Zahl der Freunde eine wichtige Rolle. Denn die Mechanismen sind immer die gleichen; es ist nur die Technik, die sich ändert.

Bei meinem heutigen Besuch hatte ich übrigens das Vergnügen, den Mann kennen zu lernen, der sich jahrzehntelang um die Automaten der ganzen Schweiz kümmerte. Er wohnt heute im Haus neben dem letzten analogen Schwarz-Weiss-Fotoautomaten des Landes und wartet ihn regelmässig. In guten Wochen würden auch heute noch 500 bis 600 Filmstreifen belichtet und entwickelt, erzählte er mir.

Das finde ich sehr beeindruckend. Und so ist es wahrscheinlich ganz gut, dass dem Gerät auf seine alten Tage hin eine Nachtruhe gegönnt wird. Gemäss Aushang wird der Fotoautomat nämlich täglich um 21.30 Uhr ausgeschaltet.

4 Kommentare

  • […] 1Die Zeitmaschine vom Goldbrunnenplatz […]

  • zippora marti

    Guten Tag- toller Artikel! Weisst du, ob dieser Automat noch lebt?

  • NilsWheels

    Er steht an der Goldbrunnenstrasse 128 und funktioniert einwandfrei👍 Wie früher einfach toll…
    31.10.2016,1245Uhr

  • Andrea Julia

    Super Artikel!
    Steht der Automat heute immer noch dort?

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