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Dieses vermaledeite «Klick»

Von Christoph Sigrist 16. Oktober 2014 2 Kommentare

Selfie. Bild von Martin Fisch, CC BY-SA 2.0Am vergangenen Samstag gestaltete ich gleich zwei Hochzeiten in zwei unserer schönsten Kirchen: in der Klosterkirche Kappel und im ehemaligen Chorherrenstift Grossmünster, der Mutterkirche unserer Reformation. Eine der Feiern wurde für mich zur Herausforderung.

Nicht von der schleichenden Überholung herkömmlicher Riten möchte ich heute sprechen, wo die Frage, wie nun die Braut von wem wohin geführt werden soll, Schweissperlen hervorruft; auch nicht davon, wie sehr sich junge Ehepaare abmühen mit dem Satz beim Trauversprechen «Bis dass der Tod Euch scheidet»; und auch nicht von den Hunderten von Gästen, die hilflos und verloren im Gottesdienst sitzen, während des Gebets schwatzen, in der Stille unverhohlen SMS schreiben und nicht mehr unterscheiden können, was Gebet, Schriftlesung und Auslegung, Trauversprechen und Segen heisst.

Diese schleichende Entfremdung also vom gottesdienstlichen Ritual, das «überstanden» werden muss in der Hoffnung, dass der da vorne – wie heisst er nun schon wieder – möglichst witzig und kurz reden möge, sodass man endlich zum lange ersehnten Foto des so berührenden Kusses und des erwarteten Ringwechsels kommt.

Nein, ich ärgere mich nicht, dass Gäste bei Hochzeiten nicht mehr das Ritual lesen und auch entsprechend feiern können. Moralinsaures Bloggen liegt mir sowieso nicht. Eher nehme ich mich selbst und uns Vertreter der Kirche an der Nase, dass es uns anscheinend nicht mehr gelingt, gesellschaftsdurchdringend zu wirken mit unserem kirchlichen Auftrag: zu feiern, zu bilden, zu helfen und Gemeinschaften zu leiten.

Nein, herausgefordert hat mich der Fotograf bei jener Hochzeit im Abendglühen. Genauer gesagt nicht er, sondern sein Apparat hatte es auf meine Geduld abgesehen. Denn jedes Abdrücken war von einem derart lauten «Klick» begleitet, dass für mich kurz vor dem herbeigesehnten Ringaustausch der Fotoapparat zum förmlichen Monster sich verwandelte. Klick – und das Heilige der Atmosphäre zerplatzte, wie wenn eine Nadel den Ballon berührt. Klick, Puff – einfach weg.

Dieses vermaledeite Klick gab mir einen Kick. Nach dem Austausch der Ringe folgt in der liturgischen Ordnung der reformierten Tradition der Segen. Ich aber unterbrach den Fluss: «Liebe Gemeinde, mein lieber Fotograf», so hörte ich mich sprechen, «nun folgt ein Augenblick, bei dem ich den Fotografen und alle Handybesitzer bitte, ihre Apparate ruhen zu lassen. Denn der Segen ist nicht ablichtbar. Der Segen stammt von Gott. Und Gott ist unsichtbar. Gott ist flüchtig, so wie auch der kommende Augenblick flüchtig ist. Und deshalb ist dieser Moment unendlich kostbar. Denn nur dadurch, dass Gott flüchtig ist, lässt er sich immer wieder finden. Das Staunen über den Fund spiegelt sich in jenem segensreichen Moment, wenn sich die Hände von Mann und Frau berühren. »

Diese Stegreifpredigt zeigte Wirkung – der Fotograf verzog sich hinter die dicke Säule mit dem Steinfries von Karl dem Grossen und den Stadtheiligen Felix und Regula mit ihren neu geschenkten Köpfen. Die Handys verschwanden verstohlen in den Taschen, eines fiel auf den Boden und blieb dort liegen. Und in dieser technisch unnatürlichen Stille waren die Worte so berührend, dass den beiden Neuvermählten die Tränen die Wangen hinunterkullerten.

Nach dem Gottesdienst kam der Fotograf zu mir und dankte: «Das war für mich ein «Lehrblätz» besonderer Art. Sie vergesse ich nie. Darf ich?» Er nahm die Kamera, deren Klick ich Augenblicke vorher drinnen verflucht hatte, und hielt sie vor uns. Ich lächelte. Die Kamera klickte. «Ein Selfie besonderer Art», sagte er. «Wissen Sie, Sie öffneten mir die Augen dafür, dass es Momente gibt, die sind für die Kamera unsichtbar und doch erfahrbar – auch im Hochzeitsritual.»

Ich bin überzeugt: So wie es Fastentage gibt für ach so vieles – keine Zigarette, keine Schokolade, kein Fernsehen – wäre doch zu überlegen, an einem Tag kein Handy zu zücken und abzudrücken, indem zwei in dieselbe Richtung in eine Linse schauen und lachen.

Stattdessen wäre der Blick frei, einander anzuschauen und sich das Lächeln gegenseitig zu schenken. Das wäre doch ein «Selfie» besonderer Art.
 
 
Bild: Martin Fisch auf flickr.com, CC BY-SA 2.0

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