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Dritte Runde

Von Felix Ghezzi 18. Juni 2015 4 Kommentare
Bildhalle_FelixGhezzi

Ich bewundere Menschen, die immer ein klares Ziel haben, die sich voll und ganz einer Sache verschreiben können – und dies über Jahre hinweg. Bei mir hingegen verlaufen die Leidenschaften für ein Hobby, ein Projekt oder ein Thema wellenförmig. Ich bin Phasen ausgesetzt: Roman-Lese-Phasen, Serien-Phasen, Tennisspiel-Phasen oder Fotografie-Phasen.

Über Wochen hinweg bin ich beispielsweise fixiert auf das Fotografieren. Der Zeigefinger ist sozusagen immer auf dem Drücker, meine Augen registrieren überall mögliche Motive. Aber auch an jeder Plakatwand, in jeder Zeitschrift sehe ich Fotos, Fotos, Fotos. Ich muss unbedingt alle Ausstellungen besuchen und ärgere mich masslos über verpasste Gelegenheiten. Und dann plötzlich lässt es nach, eine andere Phase drängt sich in den Vordergrund.

Nach einer Foto-Ebbe spüre ich seit einigen Tagen, dass sich die Flut langsam wieder bildet, dass sich ein Kribbeln ausbreitet, in Vorfreude auf die aufregenden Zeiten des intensiven Fotografierens. Wieso also die Sache nicht etwas forcieren? So bin ich mit dem Bus bis zur Station «Stadtgrenze» gefahren und wenige hundert Meter weiter der Seestrasse entlang zur «Bildhalle» gelaufen.

Die Fotogalerie wirbt mit einer Karte für ihre «Dritte Runde – 14 Fotografen, 2 Jahre, 1 Ausstellung» (bis 24. Juli 2015). Darauf Muhammad Ali, der am 6. August 1966 vor dem Fight vertieft in Konzentration und Gebet in der Ecke des Boxrings steht. Er wird Brian London in der dritten Runde K.O. schlagen und Weltmeister werden. Es ist ein wunderbar komponiertes Schwarz-Weiss-Bild.

Während die Karriere eines Boxchampions aus rein biologischen Gründen spätestens in den dreissiger Jahren den Zenith erreicht und es danach sportlich nur noch bergab geht, haben Fotografen über Jahrzehnte hinweg die Möglichkeit, aufsehenerregende Bilder zu schiessen. So auch der Magnum-Fotograf Thomas Hoepker, der Muhammad Ali über Wochen hinweg mit seiner Kamera begleitete. Ihm ist dabei nicht nur mit der erwähnten Foto eine Bildikone gelungen, sondern unter anderem auch mit einer Foto von einer Gruppe junger Menschen, die am 11. September 2001 vor der New Yorker Skyline und dem brennenden World Trade Center scheinbar unbeschwert am Schwatzen ist (die Foto ist in der Ausstellung nicht zu sehen).

Die Galerie präsentiert zu ihrem 2-jährigen Jubiläum Bilder, die ein breites Publikum ansprechen: Von Robert Böschs rauen Berglandschaften über die experimentellen Landschaftsbilder von Douglas Mandy und Braschler/Fischers seltsam menschenleere nächtliche New Yorker Strassenbilder bis hin zur Modefotografie in konstruktivem Gewand von Carmen Mitrotta und Abzügen aus René Groeblis bekanntem Buch «Das Auge der Liebe» (1954). Es ist eine Ausstellung, die einem die Vielfalt der Fotokunst vor Augen führt.

Angeregt durch die Bilder, habe ich, nachdem die goldene Eingangstür zur Galerie wieder geschlossen war, meine Spiegelreflexkamera aus der Tasche gezogen. Und da tauchten die Motive wieder an mancher Stelle wie von selbst auf. So auch ein Schwan, den ich vor der Roten Fabrik ablichtete: sein Hals beinahe so schlagkräftig wie Muhammad Alis rechte Faust, das Foto wunderbar komponiert und beinahe so toll wie diejenigen in der Bildhalle. «Beinahe» ist aber natürlich nicht gut genug, und deshalb erspare ich Ihnen das Bild. Doch ich bin guter Dinge; meine Foto-Phase-Kurve zeigt nach oben. Die nächste Runde ist eingeläutet.

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Nicht immer gelingt eine dritte Runde. Nach zwei Runden respektive zwei Karl-Blog-Saisons wird der Blog leider vorläufig eingestellt. Dies war also mein letzter Blogpost. Ein herzliches Dankeschön an all meine Leserinnen und Leser; ausserordentlich gefreut habe ich mich natürlich über die ermunternden und manchmal auch kritischen Worte, die ich von Freunden, Bekannten und Verwandten erhielt. Ein besonderer Dank gilt dem Karl-Team und vor allem Sabine Gysi, die mir alle Freiheiten – ausser, dass die Blogposts einen Zürich-Bezug haben mussten – gab, aber auch die Chance, vom Lektor zum lektorierten Autor zu werden.

4 Kommentare

  • Sam

    Danke für die anregenden Texte, Felix! Wo bloggst Du weiter?

    • Felix Ghezzi

      Vielen Dank, das freut mich sehr! Im Moment sieht es so aus, als würde es nicht weiter gehen. Aber vielleicht ergibt sich ja noch was …

  • Fritz Vollenweider

    Schade, dass Du aufhörst… aufhören musst, notgedrungen. Vielleicht sind irgendwo Deine Fotos zu sehen?

    • Felix Ghezzi

      Vielen Dank für die Zeilen. Im Moment sind die Fotos noch nirgends zu sehen. Aber wenn es ein paar mehr sind mit denen ich zufrieden bin, gibts diese dann eventuell in irgend einem Medium zu sehen. Ich werde Dich auf dem Laufenden halten.

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