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Ein für immer verlorener Luxus: die Weltgeschichte zu verschlafen

Von Brigitte Federi 21. November 2014 Keine Kommentare

Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, war ich in Amsterdam. Am späten Nachmittag des 10. Novembers machte ich mich dort auf die Suche nach einer deutschsprachigen Zeitung; mir waren die Kiosk-Aushänge mit den Wörtern «Berlin» und «Muur» aufgefallen und ich wollte wissen, was es damit auf sich hatte. Wieder zu Hause, verbrachte ich die nächsten Tage hauptsächlich vor dem Fernseher – so viel schien mir entgangen zu sein, hatte ich aufzuholen.

Drei Jahre später lernte ich zwei betagte, aber noch äusserst rüstige Bernerinnen kennen; verwitwete Diplomatengattinen, die den Grossteil ihres Lebens im Ausland gelebt und nach dem Tode ihrer Ehemänner beschlossen hatten, ihre letzten Lebensjahre mit Reisen zu verbringen. Nun waren sie in Irland unterwegs und ich ihre Reiseleiterin. Eines Abends erzählten sie mir von einer Städtereise nach Berlin. Sie hätten in einem zentral gelegenen, grossen Hotel gewohnt, sich am Abend früh schlafen gelegt und seien am nächsten Morgen zeitig aufgestanden. Auf dem Weg zum Frühstücksraum seien sie an der Hotelbar vorbeigekommen und hätten sich gewundert, dass dort bereits der Fernseher lief. Gezeigt wurden Bilder von jubelnden Menschen, die sich umarmten und weinten, Bilder von Autokonvois.

Wo das denn sei, und was da los sei, hätten sie den Barmann gefragt. Dieser muss die beiden reizenden Damen sehr verwundert angeschaut haben. Ja, ob sie denn gar nichts mitbekommen hätten? Die Grenzen seien geöffnet, Berlin habe die ganze Nacht gefeiert! Nachdem sich die Bernerinnen von ihrem ersten Schock erholt hatten, liessen sie das Frühstück ausfallen und zogen los Richtung Brandenburger Tor.

Erinnerungen an Geschichten wie diese zeigen auf, wie sehr sich unser Medienkonsum in den letzten Jahren verändert hat. Ich musste mich damals in Amsterdam auf die (zugegeben nicht schwierige) Suche nach einer deutschsprachigen Zeitschrift machen; heute wäre ein so wichtiges Ereignis über zig Kanäle an mich herangetragen worden – von Medienunternehmen aus der ganzen Welt.

Interessant wäre zu wissen, wie es heutzutage den Diplomatengattinnen ergangen wäre. So neugierig und offen, wie sich die beiden mit der Welt und ihren Geschehnissen auseinandergesetzt haben, wären sie wohl trotz ihres hohen Alters Smartphone-Besitzerinnen und vielleicht von einer Breaking-News-SMS aus dem Schlaf gerissen worden. Ihr Leben wäre jedoch um eine Geschichte weniger reich: Wie sie einst in Berlin dieses Stück Weltgeschichte, das in ihrer unmittelbaren Nähe stattgefunden hatte, verschlafen hatten können.

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