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Ein Gruss aus dem Aargau?

Von Brigitte Federi 23. April 2015 2 Kommentare

Beschämend, aber wohl bezeichnend für die heutige Zeit ist, dass ich von gewissen Dingen aus meiner unmittelbaren Umgebung manchmal erst aus den Medien erfahre. Dinge, die ich schon längst entdeckt haben könnte, wenn ich im Tram weniger auf mein Handy starren und mehr aus dem Fenster schauen würde.

Rüebli in Zürich. Bild: Brigitte Federi Rüebli in Zürich. Bild: Brigitte Federi

So geschehen mit den Rüebli-Graffiti, die seit letztem Herbst verschiedene Hauswände der Kreise 3, 4 und 5 zieren. Seit ich letzten November im Hallo Zürich-Blog der NZZ über diese Kunstwerke gelesen habe, sehe ich sie überall. Inzwischen ist auch mein Sohn auf sie aufmerksam geworden, und in seiner Klasse ist eine Art Wettbewerb ausgebrochen: Wer entdeckt als Erster ein neues Rüebli im Quartier? Die Graffiti werden von den Schülern auch streng bewertet, wobei meinem Sohn die mit dem grünen Rüebli und dem orangefarbenen Kraut am besten gefallen.

Überhaupt, diese Rüebli haben den Horizont des bald Achtjährigen um ein ganzes Stück erweitert. Er beschäftigt sich nun zum ersten Mal von sich aus mit Kunst oder vielmehr mit der grossen Frage, was denn Kunst sei und was nicht. Nach einer ersten Euphorie und der Behauptung, dass alle Graffiti wunderschön und eine Bereicherung für die Menschheit seien, begann er während einer längeren Zugfahrt zu differenzieren. Wir waren inzwischen wohl schon an über hundert Graffiti vorbeigefahren, und er stellte fest, dass es darunter ja doch das eine oder andere «Gekribbel» gäbe. Wenn schon, dann solle man doch bitte etwas Schönes kreieren! Worauf wir beide die Schönheit der nächsten Graffiti bewerteten, und er aufgrund unserer Meinungsverschiedenheiten schnell einmal merkte, dass Wertungen alles andere als objektiv sind.

Ich fand es bei aller Euphorie auch wichtig, ihn präventiv darauf aufmerksam zu machen, dass das Sprayen fast überall verboten ist. Es folgte eine lange und breite Ausführung meinerseits zu den Themen Besitz, Sachbeschädigung und Bussen, und als Street-Art-Fan kam ich mir dabei zwar ein bisschen spiessig vor, hatte aber das Schicksal eines ehemaligen Schulkollegen im Kopf, der als Jugendlicher ein begnadeter Graffiti-Künstler und einige Jahre später ein junger Mann mit einem hohen Schuldenberg war.

Mein Sohn merkte: Das ist alles nicht so einfach. Er ist aber auch ein Fan von pragmatischen Lösungen und hatte schnell eine parat: Der Sprayer oder die Sprayerin meldet sich mit einem Graffitientwurf auf Papier beim Hausbesitzer und zeigt, wie er dessen Eigentum verschönern möchte. Wird man sich einig, beginnt der Künstler mit seiner Arbeit. Denn in einer Sache ist er sich sicher: Ein gut gemachtes Graffiti ist auf jeden Fall eine Bereicherung für die Umgebung.

Das führt mich zurück zu den Rüebli: Da meines Wissens bis jetzt noch keines verschwunden ist, scheinen die Hausbesitzer sie zu akzeptieren. Es bleibt die grosse Frage: Wer und was steckt dahinter? Als Exil-Aargauerin tippe ich auf einen Künstler oder eine Künstlerin aus meiner alten Heimat. Oder ist es jemand, der dem aktuellen Lifestyle folgt und uns zu mehr Gemüsekonsum oder gar Veganismus überzeugen möchte? Eigentlich egal, denn die Rüebli machen Vielen Freude und haben mir einmal mehr bewusst gemacht, wie sehr es sich lohnen kann, beim Tram Fahren das Handy in der Tasche stecken zu lassen.

2 Kommentare

  • Ossito

    Es macht immer wieder Spass deine lüpfigen ehrlich Phrasen zu lesen. Grad nach einem arbeitsintensiven Tag und dem anschliessenden Einkaufen in der wahrscheinlich kleinsten Migi am Schaffhauserplatz. Man/Frau trifft dann auch die Last Minute Mütter mit einen hoffnungslos überladenen Kinderwagen, zwängelden „5jährigen“ Sprösslingen darin. Kommt dazu, dass zusammengeklauptes Gemüse gewogen werden sollte. Muttern merkt es dann doch an der Kassa. Also zurück mit Kinderwagen vorbei an der Warteschlange… Einfach ein herrlicher Ausklang des doch wunderschönen Tages. Im erst; deine Texte lassen einfach solche Fussnoten zum Tagesausklang verschwinden. Das mein ich ehrlich!
    Einen wunderschönen Abend!
    Liebe Grüsse Urs (Ossito)

  • Brigitte Federi

    Merci vielmals, lieber Urs. Ich muss aber bekennen, auch ich gehöre ab und zu zu den Last-Minute-Müttern, bin aber zum Glück schon länger ohne Kinderwagen unterwegs. Aber ich weiss noch gut, wie es sich anfühlt, wenn man von den Menschen als ’störend und sperrig‘ wahrgenommen wird, und werde deshalb zeitlebens alle Mütter mit Kinderwagen verteidigen ;-).

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