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Ein Plädoyer für Lärm

Über den Lärm, der in den Gassen Zürichs herrscht, wird rege diskutiert. Verfolgt man die Diskussionen, könnte man meinen, dass der Lärm allmählich überhandnimmt. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Lebendigkeit der Stadt wird laufend domestiziert. Um dem entgegenzuwirken, bräuchte es radikale Änderungen – zum Beispiel Urbanzonen.

Als der Frühling kam, dachte ich in einem Karl-Blogpost laut über die Schlagzeilen nach, welche dieser mit sich bringen würde – und an mögliche Alternativen. Die positiven Alternativschlagzeilen waren natürlich Wunschdenken. Denn eine Geschichte kündigt sich mit Zuverlässigkeit immer wieder an: die ewige Leier vom Lärm. An aktuellen Beispielen mangelt es auch diesen Sommer nicht: Gegen die Baubewilligung einer Aussenwirtschaft wurde Rekurs eingelegt; 115 Anwohner des Kreis 4 taten sich in einer Petition gegen das «Gedröhne» zusammen; ein 24-Stunden-Shop im Niederdorf wurde erfolgreich bekämpft.

Wohl hat jeder dieser Fälle eine eigene Geschichte, doch spielen sie alle auf derselben Klaviatur. Immer wieder wird darüber diskutiert, wie viele Geräusche eine Stadt verträgt, wie lange die Leute draussen Bier trinken können, wie laut der Bass sein darf, wie viele Feste das Volk verträgt. Und immer wieder heisst es am Schluss lapidar: Wir müssen aufeinander Rücksicht nehmen.

Dieses Argument ist nicht falsch, aber es ist zu einfach, zu passiv, zu wenig konstruktiv. An der Problematik ändert sich nichts, denn sie liegt auf einer anderen Ebene: im Institutionellen. Die Städte haben schlicht kein Konzept, wie sie mit dem Ausgeh-Verhalten vieler und den Ruhe-Ansprüchen weniger umgehen sollen. Wir drehen uns im Kreis.

Vor zwei Jahren schrieb ich bereits in unserem Winterthurer Kulturmagazin «Coucou» einen Artikel mit dem Titel «Hallo Lärm! Ein Plädoyer.» Die dort aufgeführten, grundlegenden Probleme, lassen sich auch auf Zürich anwenden:

  • Gesetzliches Problem: Der Lärmkläger erbringt mit seiner Klage gleich selbst den Tatbeweis, dass Lärm und eine Störung herrschen.
  • Relations-Problem: Die Interessen einzelner (der Lärmkläger) werden dabei (fast) immer stärker gewichtet als die Interessen vieler (der Ausgänger).
  • Anspruchs-Problem: Wir würden am liebsten zentral wohnen, nahe beim Geschehen sein und dennoch Ruhe haben. Wir wollen «den Foifer und s’Weggli», bekämpfen aber das Weggli.

Das Weggli ist der urbane Raum. Der da so schön aufgeht und gut duftet in der Backstube der Lebendigkeit. Die schmucken Bars, die schönen Parks, die Einkaufsmöglichkeit und das Lieblings-Sushi gleich um die Ecke. Der Foifer ist das Apartment gleich 100 Meter entfernt vom Lieblings-Sushi, der Schlaf nach einen guten Glas Wein zu Hause auf der Couch. Doch der Foifer ist ohne das Weggli wenig wert. Möchte man aber ein spannendes, attraktives Stadtleben, dann wird man auch Menschen haben, die feiern wollen. Stehen wir dazu.

Stattdessen wird die Urbanität domestiziert; unser Umgang mit Lärm ist stets ein restriktiver. Dabei – auch öffentlich – Partei zu ergreifen für den johlenden Jugendlichen vor der Bar anstatt den guten Bürger, der seinen Schlaf braucht, ist kommunikativ ein schwieriger Akt. Dabei gäbe es auch eine ökonomische Argumentation: Freizeitaktivitäten sind schon lange zu einem zentralen Einnahme-Pool unserer Volkswirtschaft geworden.

Doch gerade in dieser Branche herrscht Rechtsunsicherheit. Wer eine Bar eröffnet, muss die Finger kreuzen, dass es keinen Nachbarn gibt, der ihm das Gastroleben zur Hölle machen könnte. Man muss sich den Aufstand vorstellen, wenn ein Schreinerbetrieb mit demselben Problem konfrontiert wäre. Gerade der Ermessensspielraum der Lärmschutzbehörden, den viele als Argument herbeiführen, dass es keine gesetzliche Änderung brauche, birgt hier ein Problem.

Interessanterweise gibt es einen Fall, bei dem sich Kommentatoren auf die Seite der Lärmer gestellt haben: Als die 115 Anwohner des Kreis 4 jüngst gegen den Lärm protestierten, hiess es in einigen Kommentaren: Dieser Lärm gehört halt zum Chreis Cheib. Organisch gewachsen, nachtaktiv wie schon immer.

Wieso also nicht Urbanzonen einführen? Zonen, die durch höhere Lärmgrenzwerte und gelockerte Vorschriften urbanes Wohnen, Kultur und Nachtleben nebeneinander ermöglichen? Wo sowohl klar ist, auf was man sich einlässt, wenn man dorthin zieht, und wo auch die Grenzen der Betriebe klar gesteckt sind?

Schon einige Male wurde die Idee aufs Tapet gebracht, auch im Nationalrat, und bis jetzt immer verworfen. Klar: Die Nachteile liegen ebenfalls auf der Hand. Die Gefahr, damit eine durchökonomisierte Nachtlebensstruktur zu schaffen, ist vorhanden. Nur habe ich gerade keine andere Idee. Und find den argumentativen Kreis, in dem wir uns seit Jahren bewegen, langsam müssig. Wer also was Besseres weiss: Gerne melden.

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