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Einmal Rousseau rückwärts, bitte.

Von Silvan Gisler 10. Februar 2015 1 Kommentar

Wohl kaum eine andere Nation zelebriert ihren Bergfolklorismus so sehr wie die Schweiz und lässt ihn sich auch dementsprechend viel kosten. Dies zu hinterfragen gehört nicht zum guten Ton in diesem Land – wie die «Arena» vom letzten Freitag wieder mal deutlich machte. Das hat viel mit unserer Vergangenheit zu tun.

«Dann hier, wo Gotthards Haupt die Wolken übersteiget; Und der erhabnen Welt die Sonne näher scheint; Hat, was die Erde sonst an Seltenheit gezeuget; Die spielende Natur in wenig Lands vereint.» – Ach ja, die Alpen. Lange waren die hohen Berge und tiefen Schluchten für viele gleichbedeutend mit Schrecken, Finsternis und Grauen. Dann aber begannen die Städter Lieder und Gedichte darüber zu schreiben: Der Berner Albrecht von Haller, von dem die oben zitierten Zeilen stammen, schrieb das Gedicht «Die Alpen», der Zürcher Salomon Gessner erlangte Weltruhm mit seinen in über 20 Sprachen übersetzten «Idyllen» und der Genfer Jean-Jacques Rousseau forderte mal eben schnell «zurück zur Natur!» Die rohe Gewalt der Alpen und die naturbezogene Lebensweise wurden als besonders rein angesehen. Was vorher ein Ort des Schreckens gewesen war, war nun ein Ort der Freiheit, ein Ort der edlen Charaktere, des glücklichen Lebens – eine metaphysische Antithese zur verdorbenen Stadt.

Das war im 18. Jahrhundert – aber es könnte auch 2015 sein. Zum Beispiel vergangenen Freitag, im SRF-Studio in Leutschenbach. Es läuft die «Arena»: «Berggebiete am Abgrund» lautet das Thema und es geht um die Unterstützung der Bergregionen. Statt Gessner spricht der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas, statt Rousseau der Walliser Hotelier Art Furrer. Mehr Unterstützung für die Berggebiete wollen sie – und begründen die bereits heute schon hohen Subventionen mit einer breiten Palette an Argumenten. Was davon im Detail sinnvoll ist oder nicht, will ich hier nicht besprechen – was mir aber seltsam anmutetet ist die Wertung, welche in dieser Diskussion immer mitschwingt: Die Berge als Helvetias DNA, als Refugium des wahren, freien Schweizers. Geht es um Subventionen, so wird das Berggebiet schnell zum unabdingbar schützenswerten Tempel der Schweizer Volksseele. Doch das ist blanker Unsinn. Ich bin gerne bereit, strukturell schwache Gebiete und dort ansässige, einkommensschwache Personen zu unterstützen. Das nennt sich zum einen Solidarität, zum anderen Chancengleichheit. Aber muss ich damit auch gleichzeitig ein mystifiziertes, verzerrtes Bild der Schweiz – eingerahmt in eine Bergromantik und signiert von Rousseau – finanzieren? Das Leben im Prättigau ist nicht «edler» als dasjenige in Zürich. Die Stadt ist nicht weniger Schweiz als der Berg.

Dies aber wird uns seit Rousseau weisgemacht. Nach der Französischen Revolution importierten wir Vorstellungen über die Alpen und stereotypisierten die «Bergkultur» zuhanden des Tourismus: «Wir haben uns angewöhnt, die Schweiz mit den Augen unserer Touristen zu sehen. (…) Wir leben in der Legende, die man uns gemacht hat.» (Peter Bichsel)

Zuerst waren es einige wenige Orte wie Zermatt oder Grindelwald; in der Belle-Époque kam dann die grosse Alpen-Entdeckung durch die Oberschicht. Als dieses Zeitalter und somit auch dasjenige der mondänen Hotel-Paläste vorbei war, mussten sich die Berggebiete umorientieren, der Massentourismus war das Resultat. Auch heute befinden sich die Gebiete in einer strukturellen Krise, doch statt ihre ganze Energie darauf zu verwenden, neue Wege zu gehen, kommen immer noch die vor 200 Jahren gereiften Alpenmystiker zum Zug. Dass dies bizarre Auswüchse annehmen kann, zeigt die Subvention des ganzen Wintertourismus: «Zurück zur Natur, aber mit gebührenfinanzierten Skiliften» – ist das Rousseau Version 2.1.?

Wenn es eine Kluft zwischen Berg und Stadt gibt, so trägt auch die beschriebene Bergideologie das ihrige dazu bei. Jeder, der mit einem Zürcher Nummernschild in die Berge fährt, weiss: Besonders beliebt sind wir nicht. Zugegeben, das hat durchaus auch mit dem zweifelhaften Verhalten und Auftreten einiger Stadtgenossen zu tun – von A wie arrogant bis Z wie Zürich. Aber es hat vor allem auch mit einem sorgfältig aufgebauten Mythos des edlen Berglebens und der damit unweigerlich einhergehenden Kritik am Stadtleben zu tun. Und wenn die von der Stadt unten auch noch kritische Töne anschlagen bezüglich der Subventionierung derjenigen vom Berg oben, wird das nicht gern gehört…

Städtische Arroganz ist ebenso unangebracht wie die alpine Seelenpredigt. Erst wenn wir auf beides verzichten, können wir aufhören die Regionen gegeneinander auszuspielen und beginnen, in Ruhe über Dinge wie Bergunterstützung zu sprechen. Buchstabieren wir diesen Rousseau doch einfach mal zurück – Uaessuor! Zurück zur Stadt.

1 Kommentar

  • […] Wahrscheinlich kennt ihr die Situation: Ihr seid auf einer Wanderung in den Bergen, seit langer Zeit geht es steil bergauf, aber ihr wisst, bald ist das Ziel erreicht. Nur noch ein letztes Stück, dann liegt die Hochebene mit dem kühlenden Bergsee vor euch. Oben angekommen, folgt dann die grosse Enttäuschung, lautes Stimmgewirr empfängt euch, am Wasser ist kein Platz mehr frei. Ihr seid nicht die Einzigen mit dieser Ausflugsidee gewesen. Berge und Menschenmassen, das passt nicht in unsere Vorstellung von Bergfolklorismus. […]

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