Menu

Einmal Zürich in langsam, bitte.

Von Brigitte Federi 9. September 2013 3 Kommentare

Wer hat sie nicht, die ganzen Vorsätze, wenn er aus den Ferien zurück nach Hause kommt? Bei mir sehen sie seit Jahren in etwa gleich aus: Mich auf das Wichtige in meinem Leben konzentrieren, mehr Zeit für mich und meine Nächsten haben, mehr Qualität als Quantität in den Alltag bringen. Zusammenfassen kann man diese Vorsätze heute unter dem Begriff «Slow Motion», auf gut Deutsch Entschleunigung. Nach drei Wochen entspannter Abgeschiedenheit in der Schweizer Bergwelt beschloss ich, diese Entschleunigung für einmal wörtlich umzusetzen.

So bin ich dann nach meiner Rückkehr aus den Sommerferien vor allem eins: langsam. Und realisiere schon bald die Nebenwirkungen meines neuen Tempos; ich verpasse Trams und Busse und erscheine zu spät zu Terminen. Benötige für Vieles bedeutend mehr Zeit und habe am Ende des Tages, wenn es hoch kommt, gerade mal zwei Drittel von dem erledigt, was zu tun wäre.

Ich beobachte aber auch, wie unnötig die überdrehte Geschwindigkeit Zürichs ist. Denn was bringen uns eigentlich die am Ende des Tages so eingesparten fünf Minuten? An neuralgischen Orten wie dem Hauptbahnhof sitze ich da und spiele mit der Vorstellung, ich sei die (zugegebenermassen schlechte) Sängerin in einem dieser Musikvideos, in denen die Zeit der Menschen um mich herum viel schneller läuft als die meinige.

Es dauert zwei, drei Tage, bis ich die bösen Blicke meiner Mitmenschen auf mir spüre. Ich bemerke sie vor allem beim Einkaufen. Meist bildet sich hinter mir nämlich schnell eine Schlange, während ich die Lebensmittel gemütlich aufs Kassenband lege. Als irgendwann dann selbst die Kassiererin missbilligend mit der Zunge schnalzt, beginne ich, meine Idee zu hinterfragen. Verhalte ich mich in meiner selbstgewählten Langsamkeit nicht ähnlich rücksichtslos wie all die Drängler Zürichs, die nicht auf die Menschen achten, die langsamer unterwegs sind als sie selbst? Bin ich denn gerade nicht gleich egoistisch als sie? Und ist es nicht genau dieser Egoismus, der mich in Zürich immer wieder stört?

Einen Samstag lang im vorweihnachtlichen London mit Kinderwagen unterwegs zu sein bringt beispielsweise bedeutend weniger Stress als ein Tramwechsel zu Stosszeiten am Bellevue, glaubt mir. Ob meine These stimmt, dass Zürich als Stadt halt einfach zu klein und zu wenig bevölkert ist für ein toleranteres Verhalten, oder ob es an der britischen Höflichkeit liegt ist mir nicht klar. Was diesen Punkt angeht, wünschte ich mir auf jeden Fall mehr London in Zürich.

Mit der Rückkehr des Schulalltags und der Organisation und Planung, die dieser mit sich bringt, wurde ich ziemlich abrupt aus meinen Überlegungen gerissen. Und auch aus meinem Versuch, für den mir nämlich auf einmal das Luxusgut Zeit fehlte. Rückblickend bin ich erstaunt, dass ich meinen Vorsatz fast zwei Wochen lang durchziehen konnte. Und zufrieden, wenn ich in meinen Alltag hin und wieder eine Phase selbstgewählte Langsamkeit einbauen kann.

Themen:

3 Kommentare

  • Fiona

    Ich mag dein selbstkritisches Denken!

    • Brigitte

      @Fiona: Das funktioniert nicht immer ;-).

  • Myriam Kasper

    Mach ich auch an der Kasse….. keine schlechten Erfahrungen gemacht bis jetzt damit, niemand missbilligt es. Das nächste Tram kommt eigentlich immer ganz schnell. Langsamer durch Zürich laufen macht richtig Spass ! Am Ende bin ich gleichschnell überall und hab auch alles erledigt, einfach in einem andern Modus. Bisschen mehr London in Zürich – unbedingt !!!

Kommentieren