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Eltern: Zum Abschuss freigegeben?

Dass das Aufwachsen in der Stadt keine Nachteile mit sich bringen muss, habe ich in einem meiner ersten Blogposts bereits beschrieben. Und an dieser Meinung werden auch negative Meldungen von Seiten der Gesellschaft und der Medien nicht so schnell etwas ändern. Vor einigen Wochen stand beispielsweise in einer Zürcher Tageszeitung, dass heute in Zürich nicht einmal mehr eines von zehn Kindern alleine zur Schule ginge. Schuld daran seien die Eltern, die ihre Kinder überbehüten und sie aus Angst vor dem Verkehr in die Schule fahren oder zumindest begleiten würden.

Mein erster Gedanke war, dass diese Zahl unmöglich stimmen könne, mein zweiter dann, dass ich von unserem Quartier nicht auf den Rest der Stadt schliessen dürfe. Aber trotzdem – wer tagsüber mit offenen Augen durch Zürich geht, trifft immer wieder auf Schülergruppen, die unbegleitet von Erwachsenen unterwegs sind. Gruppen aller Altersklassen, vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Im Zeitungsartikel hiess es dann weiter, dass diese Zahlen aus Grossbritannien stammen, jedoch auf Zürich übertragbar seien. Mich würde ja interessieren, auf was diese Behauptung fundiert. Ging es vielleicht nicht einmal mehr darum, Eltern an den Pranger zu stellen?

Ich habe das Gefühl, dass sich die Medien seit einigen Jahren verstärkt mit dem Elterndasein beschäftigen. Es bietet ja auch genug Stoff, nur schon dank der neuen Familienmodelle und der Vor- und Nachteile, die diese mit sich bringen. Auch denke ich, dass Eltern heute glücklicherweise offener über ihre Schwierigkeiten sprechen als früher. Ich kam mir vor sieben Jahren manchmal nämlich vor wie eine Ausserirdische, weil rund um mich herum alle Neumütter glücklich, gerührt und von ihrer neuen Aufgabe komplett erfüllt zu sein schienen. Heute wird das Internet überflutet mit Blog- und Zeitungsberichten von und über Eltern, die zugeben, dass sie sich in ihrem neuen Leben nicht auf Anhieb zurechtfinden. Vielleicht ist es in der Medienwelt ja beschlossene Sache, dass man Menschen, die Schwächen zugeben, tadeln und kritisieren darf?

Mir kommt es vor, als ob man sich Eltern gegenüber mehr Freiheiten herausnimmt als gegenüber anderen Menschen. Natürlich tragen wir eine grosse Verantwortung unseren Kindern gegenüber, die unsere Gesellschaft einst mittragen und mitgestalten sollen. Nur berechtigt das doch nicht gleich zu andauernder Kritik. Was ist denn mit den vielen anderen Menschen, die ebenfalls nicht perfekt durchs Leben ziehen? Die sich zu wenig bewegen, ungesund essen und zu viel Zeit vor dem TV und mit diversen digitalen Geräten verbringen? Hierzu finde ich in den Medien nicht schon beinahe wöchentlich neue Vorwürfe.

Natürlich konnten die Grosseltern der heutigen Stadtkinder noch unbesorgt auf Zürichs Strassen spielen. Weil Zürich vor sechzig Jahren ein ganz anderes Zürich war – das trifft übrigens auf einen Grossteil unserer Erde zu. Die Verkehrsdichte von damals ist nicht mit der heutigen vergleichbar, und solange um 30er-Zonen gekämpft werden muss, sind Vergleiche mit anno dazumal sinnlos. Es ist einfach, den Eltern vorzuwerfen, was sie alles falsch machen, dabei aber zu vergessen, was für Probleme es in Städten heute generell gibt. Schwerer scheint es zu sein, sich als Aussenstehender zurückzunehmen und den Menschen, die Kinder beim Aufwachsen begleiten, zuzutrauen, dass sie dabei den bestmöglichen Weg wählen.

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