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Entschärfte Post-Kunst im Helmhaus

Von Felix Ghezzi 15. April 2014 1 Kommentar

Aufnahme der Ausstellung "Delivery for Mr. Assange" im Helmhaus. Foto: Felix GhezziIch muss Ihnen gleich zu Beginn gestehen, dass die Ausstellung, um die es im Folgenden geht, gar nicht mehr zu besichtigen ist. Das ist natürlich bedauerlich. Andererseits: Wie viele Kinokritiken haben Sie schon gelesen, ohne sich danach den Film anzuschauen?

Zudem wäre auch Ihnen der Zutritt in das Arbeitszimmer von Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft nicht möglich gewesen, da sich dieses in London befindet, und der nachgebaute Raum im Zürcher Helmhaus nur eine Ahnung gibt, in welcher Umgebung einer der meistbewachten und umstrittensten Zeitgenossen auf engstem Raum lebt. Gemäss Auskunft des Kurators Daniel Morgenthaler ist lediglich ein Paket, das zuoberst auf einem Büchergestell steht, tatsächlich Besitz des WikiLeaks-Initiators. Alles andere versuchte man möglichst getreu nachzubauen.

Genau dieses Postpaket war Ausgangs- und Endpunkt einer Kunstaktion der «!Mediengruppe Bitnik», die von Zürich und London aus ihre Aktionen startet. Die Idee ist einfach: Wie kann man mit einem politischen Aktivisten und Hacker Kontakt aufnehmen, ohne in «Firewalls» abgefangen zu werden? (Damals, Mitte Januar 2013, war vom Umfang der Überwachung, wie sie durch die «NSA-Affäre» einige Monate später zutage kam, noch nichts offiziell bekannt.)

Die Künstlergruppe, die sich durch Hackerprojekte einen Namen gemacht hat, fand die Lücke im Postgeheimnis. Sie versahen das Paket mit einem kleinen Loch, durch das ein Handy alle zehn Sekunden ein Foto und GPS-Daten auf einen Server übermittelte. So konnten alle Eingeweihten während 31 Stunden auf der Homepage von Bitnik und via Twitter verfolgen, wie das Paket an einem indischen Kiosk in Hackney, London, aufgegeben wurde und – rund elftausend Bilder später (davon 4`898 schwarze Bilder) – Assange schliesslich auf den Aufnahmen erschien, in der Hand Zettel, auf denen unter anderem «Postal Art is Constagious!», «Keep Fighting» oder «Free Nabeel Rajab» (ein Menschenrechtsaktivist, der in Bahrain wegen Kritik am Königshaus im Gefängnis sitzt) stand.

Dass das fotografierende Handy den Weg bis in die 3 Hans Crescent, London, schaffen würde, war zu keinem Zeitpunkt klar. Denn durch Social Networks wurden auch BBC News, La Stampa, Huffington Post oder das Schweizer Radio aufmerksam und damit einmal mehr die ecuadorianische Botschaft auf die politische Probe gestellt.
Das war der Krimi, dessentwegen gewisse Zuschauer gar ihre Arbeit während Stunden vernachlässigten. Diese Spannung konnte man in den Ausstellungsräumen ansatzweise nachempfinden. Auf zwei grossen Bildschirmen wurden rechts ausgewählte Handyfotos gezeigt, links dazugehörige (Twitter-)Kommentare. Und wie in Filmen spielt dabei die unterlegte Musik- und Geräuschkulisse eine nicht zu unterschätzende Rolle (hier auf YouTube nachzusehen und -hören).

Im Helmhaus war auch ein Röntgenfoto des Paketes zu sehen, dessen Inhalt für einen Laien durchaus wie eine Bombe aussieht. Dass dieselbe Kartonschachtel, von Ihnen oder mir verschickt und nicht von Medienrummel umgeben, ebenfalls Assange erreichen würde, da habe ich meine Zweifel. Trotzdem macht einem die Geschichte etwas bewusst: Innerhalb eines Landes ist der Postweg womöglich der einzige sichere Weg, jemanden schriftlich über etwas zu informieren, ohne dass mitgelesen wird. (Ein gleich präpariertes Paket, das von Assange an Nabeel Rajab verschickt wurde, schaffte es immerhin bis nach Dubai. Und ist seither unauffindbar.) Aber es ist auch möglich, und das wäre dann die Kehrseite der Medaille, ungeachtet von Sicherheitsscannern Dynamit zu verschicken.

Gewünscht hätte ich mir in den Ausstellungsräumen aktuellen «Sprengstoff» und nicht nur die Präsentation einer vergangenen Aktion. Aber vielleicht hätte das das Helmhaus politisch aus den Angeln gehoben und so kurz vor dem Hafenkran-Auftritt zusätzlich Salzwasser in offene Kulturwunden gespült. Das übrigens tat die !Mediengruppe Bitnik bereits erfolgreich im Jahr 2007, als sie vom Cabaret Voltaire aus mit «Opera Calling: Hacking The Opera – Arias For All!» einen «Kulturanschlag» auf unser teuerstes Kulturhaus ausübte.

Buch «Delivery for Mr. Assange» zu gewinnen
Wer das Buch zur Ausstellung kauft, erhält neben einer deutschen Ausgabe auch eine englische, um eine der beiden zu verschenken. Neben Fotos der Aktion beschreibt der Buchautor Daniel Ryser ohne Punkt und Komma, wie es zu der Postgeschichte kam und wie die Mitglieder der Bitnik-Gruppe die Zeit erlebten. Ich habe das Buch mit grosser Spannung gelesen und schenke gern meine englische Ausgabe der ersten Person, die einen Tweet mit folgendem Inhalt verschickt: «.@FelixGhezzi: Lösungswort zum Blogpost http://bit.ly/OZWgwC: @bitnk. CC @karldergrosse».

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