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Es regnet Panini-Bilder

Sammeln erwachsene Zürcherinnen und Zürcher heute noch Panini-Bilder? Oder haben sie inzwischen zu der nicht-kommerziellen und kunstvollen Alternative Tschuttiheftli gewechselt? Das Sammeln vor einigen Jahren gleich ganz aufgegeben? Ich selbst habe eine mehrjährige Panini-Pause hinter mir, bin an dieser WM dank dem Nachwuchs aber wieder voll dabei.

Und ich staune, was die Fussballbilder bei den Kindern alles auslösen. Da wird nicht nur gesammelt, geklebt und getauscht. Es wird gehandelt, gespielt und diskutiert, und ab und zu auch mal gestritten. Welche Spieler, Mannschaften und Wappen haben einen Gegenwert von zwei oder gar drei Bildern? Was ist mit den Stadien? Wer kennt sich am besten aus und darf die Regeln bestimmen? Manchmal habe ich das Gefühl, dass der eine oder andere Bub diesbezüglich zu sehr seinem Vater vertraut. Der möchte sich vor seinem Sohn keine Blösse geben, hat von Fussball aber keine Ahnung und favorisiert im schlimmsten Fall eine Mannschaft, die sich gar nicht erst qualifiziert hat.

Gegen Abend treffen sich die Kinder aus der Nachbarschaft auf der Fussballwiese vor unserem Haus. Sie holen ihre Sammelhefte und die doppelten Bilder hervor und setzen sich an den Spielfeldrand. Erstaunlicherweise herrscht dabei nie Chaos, jeder hat seine Schätze im Griff. Die Älteren helfen den Jüngeren beim Sortieren und schauen, dass die Kleinen beim Tauschen nicht hintergangen werden. Man «chlöpflet» und «blösled» um die Bilder, und die Kinder, die einen besonders grossen Tauschstapel mit sich tragen, erbarmen sich manchmal zu einem «Bildliräge» für ihre Fussballkollegen. Ein solcher Bilderregen sei jedoch nichts als ein grosser Blödsinn, meint mein Sohn, es gebe dabei meistens nur Streit unter den Fängern.

Das Panini-Sammeln bringt aber nicht nur soziale Interaktionen mit sich. Mit den ersten gefüllten Alben werden kleine Länderstudien erstellt: Die Japaner haben die coolsten Frisuren, die Algerier scheinen alle sehr traurig zu sein. Bei den Engländern hingegen handelt es sich um ein besonders träges Volk – sie waren zu faul für ein Mannschaftsfoto und höchst unoriginell bei der Kreation ihres Wappens. Apropos Wappen: Die Jüngeren, die zur diesjährigen WM zum ersten Mal Panini sammeln, benötigten einige Wochen, bis sie die glitzernden Bilder nicht mehr «Joker» nannten. Geprägt von den Migros-Manias der letzten Jahre waren sie der Ansicht, dass alles, was glitzert und aufgeklebt werden kann, «Joker» heissen müsse.

Kommerz hin oder her: Dank Panini hat auch mich die WM-Vorfreude erfasst. Ich habe mich mit den Mannschaften und ihren Qualifizierungen auseinandergesetzt, die attraktivsten Spieler auserkoren und aktualisiere eine Excel-Liste mit den fehlenden und doppelten Bildern meines Sohnes. Vor Wochen schon haben mir zwei elfjährige Nachbarskinder erklärt, dass Belgien DER Geheimtipp sei und dass ich dank ihnen nun jedes Tipp-Spiel gewinnen könne. Leider ist die derzeitige Stärke der belgischen Mannschaft inzwischen bis zu den Medien durchgesickert. So wird das natürlich nichts mit meinem grossen Gewinn.

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