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Fehler im System

Ich war stolz, so vernünftig zu sein. Für einen Städtetrip nach Barcelona schaffte ich es, für die ganze Woche statt vier Büchern nur eines einzupacken. Es war die Goethe-Biografie, die unsere Lesegruppe ausgewählt hatte. Sie lag bereits über einen Monat herum, die anfängliche Euphorie hatte sich nach beinahe hundert Seiten Lektüre bemerkbar abgekühlt. Doch nun wollte ich einen neuen Effort machen und die Sache durchziehen, denn nach den Ferien blieb nicht mehr viel Zeit bis zum Treffen mit den Kolleginnen. Da ich kein Spanisch verstehe, würde ich in den Ferien auch kein weiteres Buch kaufen. Am zweiten Ferientag fragte ich meine Freundin, ob sie mir nicht doch «What I loved» von Siri Hustvedt überlassen könne.

Dies ist ein banales Beispiel für einen Kontrollverlust – aber wo der Machtverlust über eine Person oder eine Sache anfängt, ist gar nicht so einfach zu sagen.

Am schlimmsten scheint es mir jedoch, wenn man glaubt, alles im Griff zu haben, aber in Wirklichkeit die Sachlage ganz anders aussieht. So auch in «What I loved»: Eine der Hauptpersonen ist Mark, Sohn des Künstlers Bill Wechsler. Er geniesst das volle Vertrauen seines Vaters, der Stiefmutter und des eng befreundeten Erzählers Leo – bis diese entdecken müssen, dass der Teenager in der Nacht nicht schläft, sondern ein Parallelleben mit zwielichtigen Personen in New Yorker Kreisen führt. Immer mehr wird den Erwachsenen bewusst, dass Mark sie nicht erst seit kurzem systematisch belügt, bestiehlt und gegeneinander ausspielt, sondern dies schon seit frühester Kindheit tut. Der vordergründig schwerfällig und inaktiv wirkende Jugendliche stellt sich für seine erweiterte Familie als total unberechenbar heraus. Seine Empathie ist nur gespielt und sie alle sind darauf hereingefallen. Vielleicht hat er sogar jemanden umgebracht? Seinen Vater, so kann man interpretieren, bringt der Vertrauensmissbrauch des Sohnes und die Einsicht, dass er auf die weitere Entwicklung seines Kindes einfluss- und machtlos ist, ins Grab.

Die Autorin hat dem Sohn bestimmt nicht unbedacht einen Künstler als Vater zugeordnet. Künstler sind oft mit Wahnsinn in Zusammenhang gebracht worden, und auch der Zufall als schöpferisches Prinzip hat die Kunstgeschichte massgeblich geprägt. Man könnte also versucht sein zu denken, Bill Wechsler hätte es verstehen müssen, mit Kontrollverlusten umzugehen.

Bezüglich dieser Frage erhoffte und fand ich Klärung in der Ausstellung «Vera Molnar – (Un)Ordnung. (Dés)Ordre» und der daraus entstandenen Gruppenausstellung «Quantum of Disorder» im Haus Konstruktiv (beide nur noch bis am 10. Mai 2015 zu sehen). Nach dem Ausstellungsbesuch bin ich in meiner Meinung bestärkt, dass Zufall und Unordnung in Kunstwerken zwar eine äusserst wichtige Rolle spielen, dass sie aber nichts mit Kontrollverlusten zu tun haben.

Im Gegenteil: Der Künstler bestimmt selbst, ob das Resultat seinen Kriterien entspricht und er das Werk ausstellen und verkaufen lassen will. Das zeigen die beiden Ausstellungen eindrücklich. Wie die 91-jährige Künstlerin Vera Molnar («Entweder 1% oder 99% Unordnung, dazwischen ist es nicht interessant») gewinnen auch die jungen Künstler aus der Unordnung Spannung für ihre Bilder, Filme und Skulpturen. Doch diese Unordnung entsteht kontrolliert: Durch Versuchsanordnungen, die geplant gestört werden.

Wie die Künstlerinnen und Künstler im Haus Konstruktiv arbeitet auch der fiktive Künstler Bill Wechsler stark konzeptuell (wenn auch auf ganz andere Art). Seine Kunst lässt viele menschliche Abgründe erahnen. Doch innerhalb seiner Kunst hat Bill, im Gegensatz zur Beziehung zu seinem Sohn, die dunklen Seiten im Griff.

In diesem Zusammenhang zieht einem der Satz von Paul Klee, der in einem Videointerview mit Vera Molnar zu der Ausstellung erwähnt wird, umso mehr den Boden unter den Füssen weg: «Kunst ist ein Fehler im System.»

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