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Gastfreundschaft ist Geschmacks­sache

Von Felix Ghezzi 18. September 2013 1 Kommentar

Ich treffe mich alle paar Wochen mit einer Autorin, die an einem Buch für unseren Verlag schreibt, zum Zmittag. Es war ein heisser Augusttag und ich erzählte von meinen Vietnam-Ferien. Ein kräftiges «Hallo» riss uns aus dem Gespräch. Wir mussten dem jungen Kellner gestehen, dass wir noch gar nicht in die Karte geschaut hatten. «Kein Problem», und weg war er. Dies sagte er auf eine solch heitere und fröhliche Art, dass wir uns ganz verwundert ansahen – als wollten wir sagen: «Das gibt’s also in Zürich.»

Wer auf Reisen geht, kommt nicht mehr ohne Tripadvisor aus, könnte man meinen. So hing in Vietnam in jedem Hotel und Restaurant, das mit mindestens 4 von 5 Tripadvisor-Punkten ausgezeichnet wurde, das Zertifikat gut ersichtlich im Eingangsbereich. Unser besagtes Zürcher Restaurant – ich will es nicht verheimlichen – kommt momentan nur auf dreieinhalb Punkte. Bei diesem Zmittag blieb der Service bis am Schluss ausgezeichnet und das Essen war sehr gut. Das gibt von mir eine Viereinhalb.

Die Autorin und ich fanden den Kellner so sympathisch, dass wir mit ihm etwas plauderten. Und tatsächlich, wir hatten es vermutet, er kam aus Berlin: «Aus Neukölln!» Die Hitze machte ihm etwas zu schaffen. Der geteerte Kreuzplatz sei bereits sehr aufgeheizt und die Sonnenschirme würden die Wärme nicht entkommen lassen, erklärte er uns. Und ich wandte ein, dass die schwarze Arbeitskleidung des Restaurants wohl das Ihre dazu beitrage. Er hörte nur «Schwarz» und war irritiert. Ich realisierte, dass er womöglich meinte, ich würde auf seinen dunklen Teint anspielen und damit auf seine Abstammung aus «Berlins Problembezirk Nr.1». Ich wiederholte meine Bemerkung, und seine fröhliche Art war sofort zurück.

Nach dem Essen konnte ich es mir nicht verkneifen und ich habe bei Tripadvisor nachgeschaut: «Nette, schnelle Bedienung» – «service naja» – «Essen eigentlich gut, Service leider mies.» – «Schnoddrig pseudojung unangenehm – … sehr unfreundlicher Service» – «Der service ist super freundlich» – «Service miserabel – Unfreundlichste und unfähigste Bedienung der Stadt.» – «good food, nice staff»,…

Das Resultat erinnerte mich an meine Ferienplanung: Bei den Bewertungen der Hotels in Hanoi und Ho Chi Minh City war es immer so, dass ein Kommentar von «selten so grossem Zimmer für den Preis» schwärmte, während ein anderer Gast dieses als «viel zu klein» empfand. Und wenn jemand ein Restaurant «authentisch vietnamesisch» lobte, meckerte drei Posts weiter ein User darüber, dass es «zu gestylt» sei.

«Neukölln ist überall», so lautet der Titel eines Buches von Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister des genannten Berliner Bezirks. Seine Analyse der Einwanderersituation in Neukölln wurde kontrovers diskutiert. Darüber zu spekulieren, was diese Situation mit unserem Kellner und seiner Auswanderung nach Zürich zu tun hat, sprengt den Rahmen dieses Blogeintrags. Der Buchtitel trifft allerdings, frei auf Tripadvisor übertragen, nicht nur auf Vietnam, sondern auch auf Zürich zu. Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere Gast unseren Kellner mit seiner direkten Berliner Art auch als «schnoddrig pseudojung unangenehm» empfunden haben könnte. Meine Begleitung und ich waren uns nach dem Mittagessen jedoch einig, dass wir uns mehr solche beschwingte und gutgelaunte Serviceangestellten wünschen.

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