Menu

Habemus wen denn? Zur Diskussion über die NZZ-Nachfolge

Von Silvan Gisler 12. Dezember 2014 2 Kommentare

Wer wird der neue Presse-Papst der Falkenstrasse? Im Vorfeld der Ernennung kommt viel Rauch aus den medialen Kaminen. Jüngstes Beispiel: Roger Köppels persönliches Empfehlungsschreiben für Markus Somm. Die Diskussion der Nachfolge auf der NZZ-Chefredaktion ist auch ein Kampf um Deutungshoheiten. Ist die liberale Linie von Zürichs Traditionsblatt in Gefahr?

Während Roger Köppel, Chefredaktor der Weltwoche, letzte Woche noch von der Kanzel des Karl seine Winterrede predigte, war sie wohl schon beschlossene Sache: die Absetzung von NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann. Bekannt war sie noch nicht, denn wäre sie es gewesen, Köppel hätte in seiner Rede zur Rolle des Journalismus in der Demokratie sicher damals schon aus dem Fenster gerufen, was er nun im Editorial schreibt: SVP und FDP auf eine «einigermassen gemeinsame Linie gegen die Linken bringen» müsse der neue NZZ-Chefredaktor, sagt er und kokettiert mit einem Nachfolger, der «einen Freisinn eher blocherscher Prägung predigt.»

Freisinn blocherscher Prägung? Roger Köppel versucht dieses Oxymoron zu einem Pleonasmus zu machen: Und plötzlich wird rechts-konservativ zu liberal. Wer der Ritter eines solchen freisinnigen Steckenpferds blocherscher Prägung werden soll, sagt Köppel nicht explizit. Wen er meint, ist dennoch klar: Markus Somm, ehemaliger Weltwöchler, nun Chefredaktor und Verleger der Basler Zeitung.

Völlig daneben liegt Köppel damit nicht: Seit Journalist Christof Moser den BaZ-Chef als möglichen Nachfolger getwittert hat, summt Somm durch die Köpfe aller, die über die Nachfolge von Spillmann spekulieren. Eric Gujer, Luzi Bernet, René Zeller und Peer Teuwsen sind interne Namen, die zudem zirkulieren. Dass unterschiedliche Namen unterschiedlichen politischen Couleurs kursieren, hat seine Logik: Sie sind Ausdruck politischer Richtungskämpfe, welchen sich auch die NZZ ausgesetzt sieht. Unter den NZZ-Aktionären wächst die Gruppe jener, die sich einen Schwank nach rechts wünschen. Die Aktionärs-Gruppe «Freunde der NZZ» will für diesen Zweck ihr genehme Personen im Verwaltungsrat implementierten und griff die Vinkulierungs-Regelung an, nach der man nicht Mitglied einer anderen Partei als der FDP sein darf, um NZZ-Aktien zu erwerben. Ein Anliegen, das an der GV der NZZ nicht durchkam.

Kaum verwunderlich ist es also, wenn Köppel nun schreibt, die NZZ sei «zu verkrampft und unfrei» gegenüber der SVP unterwegs. Durchsichtig ist es gar, wenn er Ex-Chef Spillmann vorwirft, die Contenance verloren zu haben, wenn man ihn auf die SVP ansprach. Und verzerrt ist, wenn er seinen «Freisinn blocherscher Prägung» mit NZZ-Legende Willy Bretscher schmückt: dem ehemaligen Nationalrat und NZZ-Chefredaktor, der im Europarat sass, die Prüfung eines UNO-Beitritts anregte und sich gegen die Igel-Mentalität der Schweiz nach dem zweiten Weltkrieg stellte. Willy Bretscher war ein klassischer Liberaler. Alt-VR-Präsident Franz Steinegger ebenfalls. Markus Spillmann auch.

Der Umstand, dass gerade Markus Somm nun im Gespräch für die Nachfolge steht, zeigt, dass die versuchte Einflussnahme rechter Kreise auf die NZZ nicht ohne Erfolg war. Und er zeigt den Kampf um die Deutungshoheit. Wer ist wirklich liberal, wirklich freiheitlich, wirklich wirtschaftsfreundlich? Kreise um Somm, Köppel, Tettamanti und Co. werden die Antwort beharrlich aus dem rechten Mundwinkel liefern. Der «Freisinn blocherscher Prägung» wird repetiert, und alles was dort liegt wo ihre Daumen rechts sind, wird beharrlich als «links», als «Mainstream» und als «Classe politique» traktiert. Dafür reichen Weltwoche und BaZ. Dafür braucht es keine NZZ mit Somm.

Themen:

2 Kommentare

Kommentieren