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«Händ us de Hosesäck!» Ein Plädoyer für Formen und Regeln

Von Christoph Sigrist 9. Oktober 2013 Keine Kommentare

Jedes Jahr geht die Kirchgemeinde Grossmünster auf Reise – diesmal waren wir in Lettland und besuchten Kirchen und Leute. In diesem grossartigen Land gibt es eine Gruppe von russisch-orthodox geprägten Christen, die altgläubig genannt werden. Sie haben sich im 17. und 18. Jahrhundert von der Grosskirche abgespalten, wurden vertrieben und liessen sich in Lettland nieder. Diese Glaubenden leben mit einer rigiden Moral und strengen Frömmigkeit zurückgezogen. Kein ausgebildeter Priester leitet die gottesdienstlichen Rituale, sondern einfach der, der am besten lesen und singen kann. In Daugavpils, der zweitgrössten Stadt Lettlands, konnten wir die Kirche dieser Altgläubigen ausnahmsweise besuchen.

Die Frauen unter uns mussten extra für diesen Besuch einen Rock und ein Kopftuch tragen. Wir wagten schüchtern genug den Gang über die Schwelle in den abgedunkelten, mit dem Duft von Kerzenwachs und Weihrauch erfüllten grossartigen Raum.

Beim Eingang stand sie, die alte, bucklige Frau. Mit dem Blick eines Feldweibels musterte sie uns kritisch vom Scheitel bis zur Sohle. Überwältigt vom Anblick schlenderte ich in den Raum. Plötzlich ein Zischen, ein Arm, der wie eine Schlange auf mich zuschoss. Wie vom Giftstrahl getroffen schnellten meine Hände aus den Hosentaschen. Befriedigt zog sie ihren Arm zurück und schlurfte zum nächsten «Opfer», um auch dort zum Rechten zu schauen, damit die Form in ihrem Haus gewahrt wird.

Und hier in Zürich? Nun, da kann der Sigrist im Grossmünster noch so beharrlich nachlaufen, freundlich und doch bestimmt darauf hinweisen, dass hier nicht gegessen, nicht geschwatzt, nicht fotografiert, nicht gerannt, nicht ausgezogen und nicht geklaut wird – der Erfolg ist mässig. Sehr mässig verglichen mit jener Feldherrin in Gottes Gnaden. Was dort Form und Ordnung hat, ist hier durcheinandergewirbelt. Anything goes, auch im Kirchenraum.

Doch nicht nur hier, im Haus Gottes, sind die Formen aus der Form geraten. Im Opernhaus treffen sich Jeans und Nadelanzug, Pulli und Abendrobe. Im Tram bleiben die Jungs und Mädels sitzen und schauen verwirrt zur alten Frau hinauf, die sich mühsam an der Stange halten muss. Während man sich früher in Räten und Sitzungen per Sie anredete, ist heute eine Du-Welle in Gang gekommen, die jede amtliche Funktion privatisiert. Alles ist privat geworden, und dadurch ist die Unterscheidung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen aus den Fugen geraten. Dazu ein andermal mehr.

Zurück zu der gebückten, alten und altgläubigen Frau. Was habe ich von ihr gelernt?

Nicht überall gehören die Hände in die Hosentaschen. Ich plädiere dafür, dass man Formen und Rituale seriös und liebevoll lebt.

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