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Hafenkran ahoi!

Von Felix Ghezzi 18. März 2014 3 Kommentare

Zwar halten ihn einige noch immer für eine Bieridee, doch in den Läden und Cafés am Limmatquai ist bereits Vorfreude zu verspüren: Der Hafenkran wird Realität! Das Fundament wird gerade erstellt, der Aufbau beginnt am 7. April 2014, drei Wochen später wird der Kran am Sechseläuten seinen Schatten auf die Zunftleute werfen. Zwar steht dann auch beim Rathaus keine «vergoldete Schiissi», die den Harndrang stillen könnte, doch hat der Kran mehr mit einem WC zu tun als der Kunstlaie denkt.

Das Stimmvolk hatte im September 2010 den Kredit für das «Nagelhaus», ein Kunstprojekt mit Restaurant, Kiosk und WC auf dem Escher-Wyss-Platz, bachab geschickt. Die SVP hatte es einmal mehr verstanden, mit einem provozierenden Plakat einen einzelnen Aspekt zu isolieren (die «Schiissi»), so die öffentliche Meinung zu manipulieren und damit eine Ödnis (den heutigen Escher-Wyss-Platz) statt einen Begegnungsort und Kultur zu schaffen.

Es ist offensichtlich, dass es ähnlich schwierig ist, einer Mehrheit von Stimmberechtigten den Sinn von zeitgenössischer Kunst zu vermitteln, wie Ausländer als eine Bereicherung über die kontingentierte Arbeitskraft hinaus begreifbar zu machen. Wer weiss, was mit dem Hafenkran-Projekt passiert wäre, wenn das Volk an die Urne gebeten worden wäre. Dass im Moment bei demokratischen Abstimmungen Aussenseiter wenig Chancen haben, lässt die Vermutung zu, dass es zumindest knapp geworden wäre.

Eine grosse Anker- oder Hodler-Ausstellung, von der Stadt mitfinanziert, hätte keine Diskussionen ausgelöst. Einen Kran ans Limmatquai zu setzen, ist nach wie vor eine Provokation, selbst wenn es eine rund 2000-jährige Hafengeschichte von Zürich gibt und im Jahr 2009 ein Hafenpoller freigelegt worden ist, der den Schluss nahe legt, dass vor langer Zeit grosse Schiffe aus nah und fern an- und abgelegt haben müssen.

Das künstlerische Konzept des Ready Made stellt auch nach hundert Jahren noch die grösste Herausforderung und den grössten Erklärungsbedarf in der Kunstgeschichte dar. Das Ready Made ist der Ursprung des Kunstverständnisses, dass Kunst nicht mehr von handwerklichem Können kommen muss, sondern bereits die Auswahl eines Gegenstandes ein künstlerisches Werk ist, also ein Alltagsgegenstand durch einen Künstler zur Kunst erklärt werden kann.

Nicht das erste, aber das bekannteste Ready Made ist «Fountain» von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917. Es handelt sich dabei um ein damals handelsübliches Urinal aus einem Sanitärgeschäft, das er signiert und auf einen Sockel gestellt hatte. Womit wir wieder bei der «Schiissi» wären und der Frage, was der Kran am Limmatplatz während den neun Monaten, die er dort stehen wird, soll.

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht in kunsttheoretische Interpretationen versteigen. Ich wünschte mir vielmehr, dass viele Menschen hingehen, staunen, überwältigt von der Grösse und der Ästhetik des Kunstwerks sind, vor Ort über Sinn und Unsinn diskutieren, mit Fremden in Kontakt kommen, die Stadt in einem anderen Licht sehen.

Ich stelle mir vor, dass Medien in aller Welt darüber berichten, Touristen und Zürcher Selfies mit Kran machen und sie auf Facebook, Twitter und Instagram stellen und damit zeigen, dass Zürich und ein Teil der Schweiz durchaus auch positiv «verrückt» und offen gegen das Meer hin sein kann. Für alle, die das masslos ärgert, wird am Hafenfest zwischen dem 4. und 6. Juli 2014 ein Speaker`s Corner zur Verfügung stehen.

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